Für die VDA-Präsidentin liegt die Zukunft des Autolands Deutschland in vielen Händen. Sie fordert Mut, verschiedene Lösungen nebeneinander zu denken und zu verbinden.

Fotos: VDA, Hans-Dieter Seufert; Lesezeit: 4 Minuten

Die deutsche Automobilindustrie steht an einem Wendepunkt. Wir erleben eine Phase des Umbruchs, die unsere Branche stark verändert. Es geht um nichts weniger als um die Zukunft der Mobilität. Um Klimaschutz, Wettbewerbsfähigkeit, um Beschäftigung und Fort- schritt. Die gute Nachricht ist: Wir gestalten diese Zukunft aktiv. Und die Politik hat die Realität erkannt und verstanden, wie dringlich die Rahmenbedingungen für den Industriestandort Deutschland verbessert werden müssen.

Der Weg zur Klimaneutralität ist kein leichter. Wir müssen Emissionen senken, neue Technologien vorantreiben, Wertschöpfung sichern und gleichzeitig Millionen Arbeitsplätze erhalten. Das alles geschieht in einem Umfeld, das von globalen Spannungen, geopolitischen Risiken und zunehmender Regulierung geprägt ist. China zum Beispiel ist längst nicht mehr nur Absatzmarkt, sondern auch ernstzunehmender Wettbewerber. Chinesische Hersteller agieren mit großem Tempo, staatlicher Unterstützung und hoher Innovationskraft. Zugleich bleibt China ein zentraler Partner in unseren Lieferketten. Das zeigt: Wir müssen strategisch handeln, mit klaren Regeln, aber auch mit offenem Blick für Kooperation und fairen Wettbewerb.

Die aktuelle Lage des automobilen Mittelstandes unterstreicht, wie dringend politisches Handeln ist. Die jüngste VDA-Umfrage zeigt: Jedes zweite Unternehmen bewertet seine wirtschaftliche Situation als schlecht oder sehr schlecht. Acht von zehn Unternehmen verschieben oder streichen Investitionen in Deutschland. Es steht mehr auf dem Spiel als Konjunktur. Es geht um die industrielle Zukunft Deutschlands.

»Wir brauchen Mut, verschiedene Lösungen nebeneinander zu denken und intelligent zu verbinden. Schon wegen der hohen Exportorientierung unserer Industrie«

Eine ehrliche Antwort: Es gibt nicht nur den einen Weg. Der Erfolg liegt auch in der Vielfalt. Wir brauchen Technologieoffenheit. Wir brauchen Mut, verschiedene Lösungen nebeneinander zu denken und intelligent zu verbinden. Schon wegen der hohen Exportorientierung unserer Industrie.

Die Elektromobilität bleibt der zentrale Baustein auf dem Weg zur Klimaneutralität. Sie ist effizient, emissionsfrei und für viele Einsatzbereiche heute schon die beste Lösung. Doch sie braucht auch ein starkes Fundament. Wir müssen den Ausbau der Ladeinfrastruktur beschleunigen, die Stromnetze er- tüchtigen. Ladestrom muss bezahlbar sein. E-Mobilität funktioniert nur, wenn sie kein Privileg, sondern für alle attraktiv und praktikabel ist. Gleichzeitig dürfen wir die Bestandsflotten nicht vergessen. Über 45 Millionen nur mit Verbrennungsmotor angetriebene Fahrzeuge sind derzeit in Deutschland unterwegs und werden uns noch Jahre begleiten. Allein deshalb ist es sinnvoll, synthetische Kraftstoffe, sogenannte E-Fuels, voranzubringen.

Auch Wasserstoff- und Brennstoffzelle werden ihren Platz haben, insbesondere im Schwerlastverkehr, in Flottenanwendungen, in der Industrie. Diese Vielfalt ist unsere Stärke. Deutschland sollte kein Land sein, das technologische Optionen ausschließt, sondern eines, dass sie miteinander verbindet. Dies gilt dann auch für Plug-in-Hybride oder für Range Extender. Doch Technologie allein reicht nicht. Wir brauchen verlässliche politische Rahmenbedingungen. Wir brauchen eine CO2-Flottenregulierung, die Innovationen ermöglicht, statt sie zu behindern. Wir brauchen eine Energiepolitik, die Versorgungssicherheit, Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit vereint. Die größten Hürden sind haus- gemacht. Bürokratie, langsame Verfahren und ein Mangel an Investitionssicherheit bremsen die Transformation stärker als technologische Grenzen. Viele Unternehmen sind bereit, in klimaneutrale Produktionen, neue Technologien und Digitalisierung zu investieren. Aber sie brauchen Verlässlichkeit.

Wenn wir über Klimaziele sprechen, dürfen wir die Menschen nicht aus den Augen verlieren. Denn Transformation gelingt nur, wenn sie Akzeptanz findet, und Verbraucherinnen und Verbraucher Ver- trauen in Technologie, Infrastruktur und politische Entscheidungen haben. Mobilität muss bezahlbar, einfach und verlässlich bleiben. Mobilität ist mehr als Technik. Sie ist für die Menschen Freiheit, Teilhabe und Lebensqualität.

Hildegard Müller, Präsidentin des Verbandes der Automobil-industrie (VDA), bringt die Impulse aus diesem Gastbeitrag beim ams-Kongress 2025 ans Publikum

Wir sehen zugleich: Viele Produktionsentscheidungen werden nicht mehr zugunsten Deutschlands getroffen. Wenn wir unser Land auch in Zukunft als Industriestandort erhalten wollen, werden wir dafür sorgen müssen, dass es sich lohnt, hier zu investieren, zu forschen und zu produzieren. Die Automobilindustrie investiert allein von 2025 bis 2029 weltweit rund 320 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung. Hinzu kommen 220 Milliarden Euro in Sachinvestition. Diese Investitionen schaffen Zukunft. Sie schaffen Wissen, Fortschritt und Arbeitsplätze.

Wir können Wandel gestalten, wenn wir ihn gemeinsam anpacken. Es gibt kein Gegeneinander von Industrie und Politik. Sondern nur ein Miteinander. Deutschland hat alle Voraussetzungen, um diesen Wandel erfolgreich zu meistern. Wir haben Ingenieurskunst, wir haben Forschungsstärke, Marken mit internationalem Ansehen und eine Industrie, die Verantwortung übernimmt. Wir haben Beschäftigte, die mit Leidenschaft, Know-how und Leistungsbereitschaft für diese Branche arbeiten. Der Automobilstandort Deutschland hat schon viele Veränderungen gemeistert. Er hat Krisen überstanden, Technologien entwickelt, Märkte entschlossen und sich immer wieder neu erfunden. Das können wir auch in Zukunft.