Beat Balzli hat einen deutschen Vater und eine Schweizer Mutter. Er war Chefredakteur der Wirtschaftswoche und verantwortet jetzt die NZZ am Sonntag. Peter Turi bat ihm um einen Blick auf Deutschland und einen Vergleich mit der Schweiz. Beat bietet Trost – und Stoff zum Nachdenken.
Fotos: privat, PR; Lesezeit: 5 Minuten
Moin Beat, aus den Augen, aus den Sinn: Wie geht’s dir nach zwei Jahren in der Schweiz?
Sehr gut. In der Bergruhe liegt die Kraft.
Was treibt der frühere Chefredakteur der Wirtschaftswoche seit Ende 2023 da?
Ich kümmere mich als Chefredaktor – nicht -teur – um die NZZ am Sonntag.
Mir fehlt ein bisschen dein Podcast Chefgespräch für die Wirtschaftswoche. Du hattest eine phantastische Art, deine Gesprächspartner, meist echte Unternehmenschefs, mit deinem Schweizer Heidiland-Sound einzulullen und ihnen Persönliches zu entlocken, bevor du dann knallhart konfrontativ sein konntest. Kriegt niemand so hin wie du. Machst du einen Podcast in der Schweiz?
Das würde ich nicht ausschließen.
Ich vermisse dich. Vermisst du Deutschland?
Gelegentlich schon. Das Bier am Elbstrand in Hamburg, die direkte Art der Menschen, die für Journalisten paradiesische Skandaldichte, das Mittendrin in der Weltpolitik – und es gibt doch nichts Praktischeres als wenn du zu spät zum Bahnhof kommst und der Zug, den du längst verpasst haben solltest, noch gar nicht da ist.
Wie geht’s Deutschland?
Das Land befindet sich sowohl politisch wie wirtschaftlich in einem kritischen Zustand. Zudem liegt im öffentlichen Diskurs die Betonung allzu oft auf der überregulierten Vollkasko- statt auf der freiheitlichen Leistungsgesellschaft, was einer Aufbruchstimmung nicht förderlich ist. Aber die deutsche Leidenschaft für die Selbstzerfleischung lässt die Lage düsterer erscheinen als sie ist. Es gibt zum Beispiel in der Wirtschaft viele sehr innovative Weltmarktführer und Startups, denen ich noch einiges zutraue.
Wie geht’s der Schweiz?
Im Vergleich zu Deutschland steht das Land sicher besser da. Der Vorsprung bei entscheidenden Faktoren wie Infrastruktur, Digitalisierung, Bildungsniveau, Staatsfinanzen, Innovation, Steuerbelastung und politischer Stabilität ist offensichtlich. Und doch gibt es auch hier große Herausforderungen. Die Staatsquote wächst, die links regierten Großstädte geben zu viel Geld aus, und die Frage, wie künftig das Verhältnis der Schweiz zur EU aussehen soll, spaltet gerade das Land.
Ich frage, weil Uwe Hochgeschurtz, bis Ende 2024 Europachef von Stellantis, dem Autoriesen mit Opel, Renault, Fiat und vielen Marken mehr, grad ausgewandert ist nach Zürich und bei uns im Interview sagt: Deutschland is fucked.
Da ist sie wieder, die Liebe zur Selbstzerfleischung.
Und die Schweiz ist das gelobte Land, sagt zumindest Hochgeschurtz: weniger Bürokratie, eine deutlich höhere Digitalisierung. Stimmt das?
Jein, die Unternehmen kämpfen auch hier zu Lande mit einer zunehmenden Regulierungsdichte.
Sind die Schweizer offener für neue Technologien?
Tendenziell ja. Ein ehemaliger Accenture-Manager hat mir mal gesagt, dass neue Technologien in der Schweiz im Schnitt drei Jahre früher eingeführt werden als in Deutschland.
Hochgeschurtz sagt auch: “Wenn man eine Behörde anschreibt, kriegt man in einer Woche eine präzise Antwort”. Stimmt das?
Wenn ich es mit meinen vielen Jahren in Deutschland vergleiche, ist das sicher so. Hier zu Lande wartet niemand sechs Monate auf einen neuen Führerschein oder steht beim Einwohnermeldeamt zwei Wochen vor verschlossenen Türen, weil alle angeblich Grippe haben. Fairerweise muss man hinzufügen, dass es große regionale Unterschiede gibt. Düsseldorf ist nicht Berlin. Aber die Schweizer Behörden sind grundsätzlich serviceorientierter als in Deutschland. Das hat einerseits mit der geringeren Größe des Landes zu tun und andererseits mit einem ganz anderen Staatsverständnis. Die riesige Distanz zwischen Bürger und Staat, wie sie in vielen europäischen Ländern existiert, gibt es hier so nicht. Das Volk ist der Souverän, der via direkte Demokratie den Staatsapparat kontrolliert. Das System bewährt sich sehr.
Und wenn man anruft, geht einer ans Telefon? Stimmt das oder ist das nur anekdotisches Wissen, mit der rosaroten Brille einer neuen Liebe gesehen?
Nein, das ist in der Regel so, vielleicht in Zürich inzwischen ein bisschen weniger als im Rest der Schweiz. Gerade Firmen schätzen den sehr direkten Draht zu den Ämtern. Und wenn ich mal eine Frage zu meiner privaten Steuerrechnungen habe, dann rufe ich den zuständigen Sachbearbeiter einfach an.
Stimmt es, dass das Beamtentum in der Schweiz “2020 abgeschafft” wurde und deshalb jetzt alles besser klappt?
Das passierte bereits 2002 auf Bundesebene. Die Anstellungsbedingungen sind aber weiterhin sehr vorteilhaft im Vergleich zur Privatwirtschaft.
Zwischenfrage: Wie viel Schweizer Autoindustrie findet Uwe Hochgeschurtz eigentlich vor? Liegt die im Umsatz deutlich über der, sagen wir mal, Käsefondue-Branche?
Da spricht das Klischee aus dir. Die Schweiz ist ein Industriestandort. Dazu gehören auch viele Zulieferer der Autoindustrie. Darum kann es uns nicht egal sein, was mit Deutschlands einstigem Vorzeigesektor gerade passiert.
Ich habe eine Zahl aufgeschnappt, dass 50 % aller deutschen Auswanderer in die Schweiz nach spätestens 5 Jahren zurückgehen nach Deutschland. Kannst du dir vorstellen, warum?
Diese Zahl kann ich weder bestätigen noch dementieren. Aber sicher gehen viele zurück. Sei es wegen des Jobs oder weil sie sozial keinen Anschluss finden. Migration ist ja keine Einbahnstraße.
Sag du mal, als Mensch, der einen Schweizer Vater und eine deutsche Mutter hat und beide Länder gut kennt: Was funktioniert objektiv in der Schweiz besser?
Wie schon erwähnt, ist das politische System der direkten Demokratie und der Konkordanz ein Segen. Keiner kann sagen, er dürfe nicht mitmachen. Selbst die radikalsten Vorschläge schaffen es an die Urne, das wirkt wie ein Ventil für den Dampfkochtopf namens Gesellschaft.
Sind die Deutschen überhaupt willkommen in der Schweiz?
Früher war die Abneigung sicher größer als heute.
Was funktioniert objektiv in Deutschland besser?
Die Deutschen können Humor.
Was liebst du an Deutschland?
Maoam.
Was liebst du an der Schweiz?
Die Streuwürze Aromat.
Was hasst du an Deutschland?
Ich neige nicht zum Hass. Aber Steuern zahlen macht dort nun wirklich keinen Spaß. Das Preis-(Staats-)Leistungsverhältnis ist einfach viel zu schlecht und erstickt jeden Leistungsanreiz.
Was hasst du an der Schweiz?
Nichts – allerdings bin ich als Luzerner ein natürlicher Feind der Basler Fasnacht.
Wo ist das Essen besser?
Zum Glück sind die Zeiten längst vorbei, als deutscher Filterkaffee noch magenzersetzendes Doping war und jedes Essen in einer Sauce schwimmen musste. Deutschland hat kulinarisch massiv aufgeholt.
Wo ist die Medienlandschaft vielfältiger?
Relativ zur Größe des Marktes wohl noch in der Schweiz, aber dieser Vorsprung schrumpft.
Wer bietet mehr Kultur?
Diese Frage lässt sich eigentlich unmöglich beantworten.
Wo sind die Menschen netter?
Wie die Intelligenz dürfte auch die Nettigkeit in beiden Ländern normalverteilt sein.
Geht die Schweiz anders, vielleicht besser, mit Krisen um?
Die Schweizer sind sehr pragmatisch und kippen auch mal die reine Lehre des Regierungshandelns über Bord, wenn es sein muss. Das hat die sehr unorthodoxe, aber effektive Vorgehensweise im Zollstreit mit den USA gezeigt. Als auf politischer Ebene nichts mehr ging, hat sich eine Gruppe von Unternehmern bei Trump eine Audienz besorgt und King Bling Bling mit goldenen Geschenken gnädig gestimmt.
Wie stehen die Schweizer generell zu Trump?
Es ist kompliziert. Während die einen immer noch von der Sisterrepublic träumen, sehen die anderen die USA und ihren Präsidenten deutlich kritischer.
Jenseits von Deutschland und der Schweiz – welches Land fasziniert dich?
Ich hatte immer eine Schwäche für Frankreich, für diese schöne Sprache, für diese charmante Arroganz mit der sie unsereins gerne als «le petit suisse» bezeichnen – wie den kleinen Käse aus dem Kühlregal.
Braucht die Welt eigentlich Österreich?
Das kann nur ein Deutscher fragen.
Wo willst du beerdigt sein?
Nicht in Österreich.
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Beat Balzli, Jahrgang 1966, ist aufgewachsen in Luzern, studierte Volks- und Betriebswirtschaft in Bern und Paris. 2001 bis 2010 war Balzli Banken-Spezialist beim "Spiegel", 2017 bis 2023 Chefredakteur der "Wirtschaftswoche". Seit November 2023 ist Balzli Chefredaktor der "NZZ am Sonntag".Dranbleiben: | Beat Balzli bei Linked-in | Beat im Video-Fragebogen von turi2 | Beat hat Video-Besuch von Jens Twiehaus | Beat im Chef-Gespräch mit Peter Turi |