Wir statt Mehr: Carla Hinrichs ist eine der Sprecherinnen der Aktionsgruppe „Letzte Generation“. Im Angesicht der Klimakrise fordert sie in der Turi.Edition.23 Protest statt Profit und Gemeinschaft statt Gehorsam.

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Ich sitze auf dem Tempelhofer Feld in Berlin. Einen kurzen Moment möchte ich frei sein von der düsteren Aussicht, die meine Zukunft prägt: Den beängstigenden wissenschaftlichen Fakten und dem Wissen, dass eine Katastrophe, die größer kaum sein könnte, vor der Tür steh: die Klimakrise. Beim Schreiben in meinem Tagebuch fange ich an zu träumen. Von einer Welt des Miteinanders, einer Welt der Gemeinschaft.

In einer Welt des Miteinanders haben wir das endlose Streben nach Mehr und Macht abgelegt und begegnen uns auf Augenhöhe. Zusammen bauen wir eine Gesellschaft, die die Schwächsten trägt und die Stärksten in den Arm nimmt. Wir wachsen über uns hinaus, erkennen den Konflikt als Potential und erschließen neue Wege einer echten Demokratie. In einer echten Demokratie treffen wir Entscheidungen gemeinsam. Wir haben uns befreit von den Interessen der Lobbys, Parteien und Superreichen. Wir haben uns befreit aus dem Zwang der Leistungsgesellschaft, gebaut auf Ausbeutung und Zerstörung. Wir leben in Einheit mit dem, was uns umgibt.

In einer Welt des Miteinanders kenne ich meine Nachbarn, ich weiß, wer sich um mich bewegt und atmet, ich kenne ihre Träume und Bedürfnisse. Gesellschaftsräte bringen im Kleinen und Großen die Menschen zusammen und schaffen Räume der verbindenden Lösungsfindung. Die Demokratie steht auf neuen Füßen. Unser Protest hat ihren wahren Kern zum Vorschein gebracht und sie revolutioniert: Entschieden wird von Bürger:innen für Bürger:innen, orientiert an dem, was wir brauchen.

Doch die düstere Wahrheit lässt sich bei einem ehrlichen Blick in die Zukunft kaum unterdrücken. Wir können uns nicht ganz befreien von den zerstörerischen Fehlern unserer Vorfahren: Die sich selbst verstärkende Erhitzung unseres Planeten haben jene besiegelt, die der Gier nach immer mehr nicht standhalten konnten. Doch in der Welt des Miteinanders wissen wir, wie wir den Krisen begegnen. Wir sind vorbereitet und haben gelernt, friedlich und fürsorglich zu reagieren, statt in Kriegen um Nahrung auseinanderzubrechen.

»Wir blicken mutig ins Auge der Zerstörung und nehmen uns, was uns gehört: eine gerechte und sichere Zukunft für alle«

Und wie kommen wir dahin? Wir protestieren! Wir stellen uns in den Weg, blockieren und unterbrechen, was uns Richtung Abgrund treibt. Wir blicken mutig ins Auge der Zerstörung und nehmen uns, was uns gehört: eine gerechte und sichere Zukunft für alle. Wir verweigern den Gehorsam einer Welt der Leistung bis ins Burnout. Wir befreien uns aus dem alten System und machen uns an die Arbeit für eine Welt des Miteinanders. Wir kündigen unsere Jobs und steigen den Unis und Schulen aufs Dach, die versagen, uns für eine Welt des Miteinanders auszubilden, sondern uns zum Teil des zerstörerischen Wachstums machen wollen. Wir streben nicht nach Geld und Macht, sondern fragen uns: Was brauchen wir? Wir übernehmen Verantwortung und erarbeiten uns ein Leben nach den Bedürfnissen der Gemeinschaft.

Wir werden nicht die letzte Generation mit friedlicher Kindheit sein. Sondern die erste, die aufsteht, um das Richtige zu tun. Wir fangen jetzt an, das zu tun, was wir in Zukunft umso mehr brauchen: Mit offenem Herzen begegnen wir dem, was kommt. Wir lassen nicht zu, dass es noch schlimmer wird. Und schaffen so die Welt des Miteinanders.