Cawa Younosi ist Ex-HR-Chef von SAP und Geschäftsführer der Arbeitgeberinitiative Charta der Vielfalt. In seinem Gastbeitrag für die Turi.Edition.23 erklärt er, warum es sich lohnt, laut zu werden für mehr Diversität.
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Seit Martin Luther King vor mehr als 60 Jahren zu träumen wagte, hat sich in Sachen Gleichstellung weltweit viel getan – und doch so wenig. Wenn ich allein bedenke, wie viel Überzeugungsarbeit ich noch immer leisten muss, um auf ungenutzte Potenziale und fehlende Chancen für Menschen auf dem Arbeitsmarkt hinzuweisen, stelle ich fest: Das ist mehr als genug Arbeit für die nächsten 60 Jahre.
Träumen wir also weiter: Was wäre, wenn? Was wäre, wenn wir in einer Gesellschaft leben würden, die sich durch Respekt und Wertschätzung für die Einzigartigkeit jedes Menschen auszeichnet? In der soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit nicht nur Ideale, sondern gelebte Realität sind? In welcher Lage wären wir, auch wirtschaftlich betrachet, wenn sich Menschen sicher fühlen würden, weil sie vor Schubladendenken und Diskriminierung geschützt sind?
Ich denke: Wir wären stärker, nicht schwächer. Es gäbe nicht weniger, sondern mehr Freiheit – für Minderheiten ebenso wie für die Mehrheitsgesellschaft. Unsere Unternehmen wären innovativer und attraktiver für Fachkräfte. Es würde Aufschwung statt Abschwung entstehen. Wir wären als Marktwirtschaft und als Demokratie resilienter gegenüber dem Gegenmodell.
So viel zur Theorie. In der Praxis ist es aktuell oft schon ein Fortschritt, den Rückschritt zu verhindern. Die Idee der Vielfalt steht massiv unter Druck. Wir erleben einen erschreckenden Anstieg populistischer und nationalistischer Strömungen, die sich offen gegen marginalisierte Gruppen und diverse Lebensweisen richten – und die nicht trotzdem, sondern in Teilen gerade deshalb gewählt werden.
»In der Praxis ist es aktuell oft schon ein Fortschritt, den Rückschritt zu verhindern«Dazu müssen wir nicht mal ins Heimatland von Martin Luther King blicken. Auch in Deutschland überzeugt zunehmend das Versprechen der einfachen Antwort auf immer komplexere Fragen. Statt den mühsamen, aber erfolgversprechenden Weg zu gehen – der unweigerlich über die Einbindung der vielen Perspektiven und Lebensrealitäten führt – wird arm gegen noch ärmer ausgespielt. Noch ärmer gegen geflüchtet. Geflüchtet gegen die Unterstützung der Ukraine. Ein Zukunftsmodell ist das nicht.
Für unsere Demokratie steht einiges auf dem Spiel. Und wir alle stehen vor Entscheidungen: Stecken wir zurück oder erheben wir unsere Stimme für die Demokratie, jetzt erst recht? Bleiben es vereinzelte Stimmen oder gründen wir einen Chor? Positionieren wir uns dabei nur nach außen, was fraglos wichtig ist – oder schaffen wir auch nach innen, in unseren Unternehmen und Organisationen, die nötigen Räume zur offenen Diskussion und zum Schutz derer, die mal wieder zum Sündenbock erkoren werden sollen?
Ich werde mich gemeinsam mit dem Verein Charta der Vielfalt weiter für die Stimmen marginalisierter Gruppen einsetzen. Nur gemeinsam können wir die erwartbaren politischen Debatten mitbestimmen. Und so begnüge ich mich für den Moment mit einer überschaubaren Vision: Gründen wir einen Chor. Es mögen sich uns möglichst viele anschließen, damit wir die Zukunft nicht mehr nur träumen, sondern aktiv mitgestalten.