Land der Vielen: Düzen Tekkal hat die Hilfsorganisation Háwar.help und die Bildungsinitiative GermanDream gegründet. In der Turi.Edition.23 fordert sie mehr Mut, um Möglichkeiten für Menschen zu schaffen.
Foto: Paul Küster, Lesezeit: 3 Minuten
Ich träume von einem Deutschland als Einwanderungsland der Zukunft. Mit einem starken Sozialstaat und fairen Löhnen, von denen Menschen leben können! Ich habe ein Deutschland der Vielen vor Augen, in dem Möglichkeitsinseln für Menschen geschaffen werden, in dem Innovationen vorangetrieben werden, in dem Arbeit auch als identitätsstiftender Faktor im Leben von Menschen wertgeschätzt wird. Ein Deutschland, in dem wir uns nicht in Debatten der Zugehörigkeit und Kulturkämpfen verwickeln, die uns auseinanderdividieren. Mit unserer Initiative „GermanDream-Job“ möchten wir uns in 2025 weiter für einen Mentalitätswandel einsetzen und noch mehr dafür tun, dass Deutschland zu einem Sehnsuchtsort für Fach- und Arbeitskräfte aus dem Ausland wird.
In der FAZ meldete sich kürzlich der Arzt Cihan Celik zu Wort: „Für mich ist es unvorstellbar, in Ostdeutschland zu arbeiten.“ Er könne sich überall mit einer Praxis niederlassen, aber Gegenden, in denen er als „Pass-Deutscher“ beschimpft wird, kämen nicht in Frage. Und ich dachte: Genau! Warum auch? Wer lässt sich das gefallen? Was für Celik gilt, gilt auch für potenzielle Arbeitskräfte aus dem Ausland. Dort registriert man nicht nur den gesellschaftlichen Rechtsruck, sondern auch die überbordende Bürokratie und die Sprachhürde Deutsch. Mit Blick auf die demografische Entwicklung sollte uns das zu denken geben.
„Deutschland schafft sich ab, wenn wir nicht auf Einwanderung und Diversität setzen“Der Ökonom Marcel Fratzscher hat vorgerechnet: Bis 2035 werden etwa fünf Millionen Menschen mehr in Rente gehen, als junge Arbeitskräfte nachkommen. Wer soll die Rente der Babyboomer bezahlen? Bleibt es bei der Schieflage, werden die Reallöhne sinken und die Lohnnebenkosten explodieren. Das heißt nichts weniger als: Deutschland schafft sich ab, wenn wir nicht auf Einwanderung und Diversität setzen. Allerdings müssen wir gerade feststellen: Kaum jemand hat mehr Lust auf Deutschland.
Selbst bei einer konservativen Rechnung werden pro Jahr mindestens 500.000 zusätzliche Arbeitskräfte aus dem Ausland und eine Einwanderung von knapp einer Million Menschen benötigt, um die Babyboomer-Lücke zu füllen. Selbst wenn all jene Eingewanderte, die bereits hier sind, in Arbeit kämen, würde das kaum helfen.
Ich bin sehr stolz, dass wir dieses Jahr mit „GermanDream Job“ ein Stück Utopie in Berlin verwirklicht haben: Eine Messe, auf der wir Arbeitssuchende mit Arbeitgebern und Arbeitgeberinnen zusammengebracht und uns über die Zukunft der Einwanderungsarbeitsgesellschaft ausgetauscht haben. Im Sommer ist außerdem der erste Jahrgang unserer Journalismus-Stipendiaten im Rahmen unserer Kooperation mit dem Berliner Tagesspiegel gestartet: Drei jungen Leuten mit Einwanderungshintergrund und Marginalisierungserfahrungen ermöglichen wir ein Praktikum beim Tagesspiegel und bei GermanDream. Außerdem haben wir damit begonnen, im Unternehmen L’Oreal Mitarbeitende zu Mentoren und Mentorinnen weiterzubilden. Sie sollen sich dem Thema Inklusion und Diversität innerhalb des Konzerns annehmen.
Das Deutschland der Vielen muss keine bloße Utopie bleiben. Ich wünsche mir mehr Mut statt der sprichwörtlichen „German Angst“, die uns lähmt. Gehen wir es an.