Jörg Dittrich ist Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks deckt in vierter Generation Dächer. In der Turi.Edition.23 erklärt er, warum er sich einen Kulturwandel in den Kultusministerien wünscht.

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Schon mein Urgroßvater war Dachdeckermeister, ebenso mein Großvater und mein Vater. Er hat mich schon als kleines Kind mit auf Baustellen genommen. Der Haken an der Sache war, dass viele Baustellen in Industriebetrieben eine Zugangskontrolle mit Schranke hatten. Kleine Kinder durften da nicht rein. Deswegen versteckte mich mein Vater im Fußraum des Kleintransporters. Er zeigte dem Sicherheitsmann routiniert irgendeinen Arbeitsausweis und ich war mit großem Herzklopfen drin in einer Welt, die ein riesiges Abenteuer für mich war.

Die Gespräche der Erwachsenen auf der Baustelle, der Geruch von Bitumen, das Gefühl von Wärme und Kälte, der Regen auf der Haut, der Zusammenhalt der Handwerker, wenn sie gemeinsam anpackten oder miteinander beim Frühstück saßen – all das hat mich fasziniert. Bei diesen Besuchen begann mein Traum, selbst Handwerker zu werden und zum Team zu gehören. Ich wollte ein Teil der Welt werden, die sich an diesen Tagen vor mir auftat.

Für mich hat sich dieser Traum erfüllt. Heute bin ich Dachdeckermeister und Handwerkspräsident. Und ich will, dass viele Kinder ihn träumen können – den Traum vom Handwerk. Aber das ist schwierig in einer Welt, in der junge Menschen zu selten mit Handwerk in Berührung kommen. Handwerkliche Bildungsinhalte und deren praktische Anwendung finden sich in kaum einem Lehrplan. Das hat Folgen.

Die Schülerinnen und Schüler passen sich an – an eine Welt, in der es wichtig ist, die Photosynthese zu verstehen, das Verarbeiten des dadurch entstandenen Holzes aber nicht Teil des Unterrichts ist. Dadurch geht viel verloren: Der Sinn fürs Haptische, die Freude daran, etwas zu erschaffen. Dazu kommen die Stereotype eines Bildungssystems, das sich allein an Hochschulen und Universitäten orientiert.

»Der Sinn fürs Haptische, die Freude daran, etwas zu erschaffen«

Ich habe die Vorurteile gegenüber dem Handwerk als Jugendlicher selbst erfahren. Trotz guter Noten in der Schule habe ich mich gegen Abitur und Studium entschieden. Ich wollte Dachdecker werden. Meine Lehrer haben mit Unverständnis und Ablehnung reagiert. Mein Vater nicht. Er fragte: „Ist es denn Bedingung, Idiot zu sein, um Dachdecker zu werden?“

Ich will, dass Kinder das nicht mehr erleben müssen. Ich will, dass ihre Bedürfnisse im Mittelpunkt stehen, und dass es egal ist, ob sie sich nach der Schule für Sartre oder SHK entscheiden. Aber dafür braucht es einen Kulturwandel in den Kultusministerien.

Und es braucht einen Staat, dem die berufliche Bildung im wahrsten Sinne des Wortes etwas wert ist. Drei Milliarden Euro, um genau zu sein. Denn so hoch ist der Investitionsbedarf bei den Bildungsstätten des Handwerks.

Den sogenannten Framo-Transporter, in dessen Fußraum sich der kleine Jörg Dittrich versteckt hatte, gibt es natürlich nicht mehr als Neuwagen zu kaufen. Er war eigentlich damals schon ein Oldtimer – aber er existiert immer noch in der Firma Dittrich. Außerdem lebt der Traum des Handwerks in mir und 5,6 Millionen Handwerkerinnen und Handwerkern. Wir sind viele, wir wollen noch mehr werden. Man wird ja wohl noch träumen dürfen.