Zuversicht statt Zynismus: Marcel de Groot, Chef von Vodafone Deutschland, beschreibt in der Turi.Edition.23 sein Genesungs-Rezept für ein erkältetes Europa.
Ich träume von einem Europa, das unerschütterlich zusammensteht. Das stolz auf seine Werte und Errungenschaften ist, weil uns wieder auf unsere Stärken besinnen. Ich wünsche mir, dass wir in ein paar Jahren auf die 2020er Jahre zurückschauen und sagen können: Gut, dass wir damals nicht aufgegeben haben. Gut, dass wir zusammengehalten und Europas Vielfalt verteidigt haben.
Ich bin Niederländer. Und Europäer. Europa ist ein grandioses Projekt. Ich wohne mit meiner Familie in der Nähe von Amsterdam und arbeite als Deutschland-CEO im globalen Vodafone-Konzern. Für dieses Unternehmen war ich schon in Irland tätig und habe dort gemeinsam mit meiner Frau und meinen Kindern gelebt. Mein Sohn und meine Tochter sind dort zur Schule gegangen. Sie haben Freunde gefunden und das kleine Ein-Mal-Eins gelernt. Das Leben in Irland war aufregend anders, aber es fußte auf denselben Europäischen Werten.
Die Realität zeigt aber auch: Die Herausforderungen in und für Europa sind groß. Stagnation in der Wirtschaft. Krieg auf unserem Kontinent. Die Nachrichten, die uns in diesen Monaten erreichen, machen nachdenklich. Zuversicht ertränken wir in Zynismus, Selbstvertrauen ersticken wir in Spott. Wir lieben es, uns selbst zu kritisieren, haben aber verlernt, uns zu loben. Wir suchen vergeblich nach dem Wörterbuch, das Herausforderungen in Chancen übersetzt. Ich sehe viele starke Meinungen, aber kaum noch Bereitschaft zu Kompromissen. Wenn Europa auch in Zukunft funktionieren soll, müssen wir jetzt etwas ändern. Die gute Nachricht: Das ist möglich – wenn wir uns trauen, die Perspektive zu wechseln und unser inneres Objektiv auch für unsere Stärken zu schärfen.
"Wir brauchen ein Software-Update für unsere Köpfe, müssen wieder Mut und Optimismus auf unsere Festplatte spielen"Das Wichtigste, was ich meinen Kindern täglich mit auf den Weg gebe: Schaut nach vorne, auf das, was kommt. Mit dem entsprechenden Weitwinkel. Denn die Zukunft gehört denen, die an sie glauben. Europa ist genau dieser Blick nach vorne zuletzt abhandengekommen. Wir schauen gerne in den Rückspiegel, aber nur noch selten durch die Frontscheibe. Dabei ist diese so viel größer. Wir brauchen ein Software-Update für unsere Köpfe, müssen wieder Mut und Optimismus auf unsere Festplatte spielen. Damit wir wieder an uns und unsere Zukunft glauben. Nur so kann sie auch eine erfolgreiche werden. Europa ist nicht krank, sondern erkältet. Wir müssen es jetzt möglichst schnell wieder fit machen.
Streiten tut gut und ist wichtig. Für jede Beziehung, für jede Familie – und für jede Gemeinschaft. Auch für Europa. Wo gestritten wird, gibt es oft eine gute Lösung. Weil man ausspricht, was man denkt, sich mit Schwächen der eigenen Positionen auseinandersetzt und Kompromisse macht. Aber Streiten funktioniert nur dann, wenn wir auch wirklich eine Lösung finden wollen. Die unterschiedlichen Meinungen und Perspektiven waren lange unsere große Stärke in Europa. Zuletzt sind wir egozentrisch geworden. Ob Energiewende oder das Verbrenner-Aus: Bei vielen großen Fragen beharren wir alle stur auf unserer Meinung. Wir beenden Diskussionen ohne Konsens, um anschließend unsere Fäuste in den Hosentaschen zu ballen. Wir müssen dringend wieder lernen, zu streiten – und einander zu verzeihen. Wir brauchen wieder Offenheit für die Argumente der anderen, statt uns von vornherein dagegen zu verschließen. Denn unsere Vielfalt kann unser größter Vorteil im Wettbewerb um die globalen Spitzenplätze sein.
Machen wir jetzt den Anfang. Beginnen wir, die Schalter in unseren Köpfen umzulegen. Treffen wir mutige Entscheidungen, weil wir sie uns zutrauen. Streiten wir mit dem Ziel, uns zu versöhnen und einen gemeinsamen Weg einzuschlagen. Stehen wir ein für ein vielfältiges Europa. Damit wir in ein paar Jahren sagen können: Gut, dass wir begonnen haben, Europa wieder stark zu machen.