Wie aus Träumen Tatkraft wird, beschreibt Niddal Salah-Eldin in ihrem Gastbeitrag für die Turi.Edition 23: Die Medienmanagerin hat den Vorstand von Axel Springer verlassen, um sich für Menschen im Sudan einzusetzen.

Wenn ich die Augen schließe, kann ich sie gelegentlich sehen. Diese große, alte Dame mit grauweißen Locken, funkelnden Augen und tiefen Lach- und Lebensfalten im Gesicht. Diese alte Dame bin ich.

Wer will ich mal gewesen sein? Diese Frage habe ich mir Anfang 2024 gestellt.

Und ich habe sie mir für die nächsten paar Jahre beantwortet. Ich engagiere mich künftig stärker für meine vom Krieg im Sudan betroffene Familie und auch darüber hinaus für Land und Leute. Dafür habe ich kürzlich mein Vorstandsamt bei Axel Springer niedergelegt und das Unternehmen verlassen.

Auf dem vorläufigen Höhepunkt meiner Karriere übernehme ich jetzt also in einem anderen Lebensbereich mehr Verantwortung. Manchmal klopft das Schicksal an die Tür und wir müssen entscheiden, ob wir sie öffnen oder das Klopfen ignorieren.

Im Sudan, dem Land, in dem ich 1985 geboren wurde, herrscht derzeit mit Abstand die größte humanitäre Krise der Welt. Millionen Menschen sind unmittelbar vom Tod bedroht. Der Krieg lässt sich mittlerweile leider nur noch mit Superlativen beschreiben. Das treibt mich seit seinem Ausbruch im April 2023 um. In den vergangenen Monaten hat sich die Lage abermals zugespitzt.

„Eine Aktivistin bin ich nicht. Ich bin eine Top-Managerin, die in den nächsten Jahren den Fokus anders legt  – auch, um später nichts zu bereuen“

Für mich sind die Schreckenszahlen und Bilder nicht weit entfernt. Auch meine Angehörigen wurden vertrieben. Sie alle hatten Wünsche und Pläne fürs Leben, denen der Stecker gezogen wurde. Besonders das Schicksal der Kinder bewegt mich. Sie haben ihr Leben eigentlich noch vor sich. Sie verlieren nicht nur ihr Zuhause, sondern auch ihre Zukunft.

Ich spüre eine große Verpflichtung, mich für die Freiheit der nächsten Generation einzusetzen, sowohl im Sudan als auch in Deutschland. Eine Aktivistin bin ich nicht. Ich bin eine Top-Managerin, die in den nächsten Jahren den Fokus anders legt – auch, um später nichts zu bereuen. Einen Krieg kann ich zwar nicht beenden, aber möglichst vielen Menschen helfen, nicht zu verenden. So kann ich ein Stück Hoffnung und Zukunft zurückgeben.

„Erfolg ist nicht nur das, was auf der Visitenkarte steht“

Drei Kernbereiche sind mir besonders wichtig: Ich will meine erweiterte Familie nicht nur dabei unterstützen, zu überleben, sondern auch dabei, Perspektiven in den Nachbarländern des Sudan zu finden. Zweitens: Ich will lokalen Grassroots-Initiativen helfen, die vor Ort als mobile Taskforces unterwegs sind. Und drittens: Ich will mit ausgewählten, großen Hilfsorganisationen zusammenarbeiten – zum Beispiel mit Unicef Deutschland. Neben humanitärer Unterstützung liegt mir Bildung besonders am Herzen. Wer helfen möchte, kann zum Beispiel an die Sudan-Programme von Unicef, Ärzte ohne Grenzen, Save the Children und Plan International spenden.

Erfolg ist nicht nur, was auf der eigenen Visitenkarte steht. Echter Erfolg ist für mich, einen positiven Unterschied zu machen. Ich träume davon, Zehntausenden ein besseres Leben im Sudan oder in seinen afrikanischen Nachbarländern zu ermöglichen. Und davon, vor allem den Kindern und jungen Menschen Hoffnung und Zukunft zu schenken. Wenn mich die alte Dame in vielen Jahren fragen sollte: „Was haben wir damals gemacht, als unsere Heimat in Flammen stand?“ Dann werde ich ihr sagen: „Wir haben gehandelt.“