Anpacken statt Aufgeben: Meteorologe Sven Plöger beobachtet und erklärt für die ARD seit 1999 das Wetter – und damit auch das Fortschreiten der Klimakrise. Warum er dabei auf Haltung durch Unterhaltung setzt, verrät er in der Turi.Edition.23.

Foto: Selina Pfrüner; Lesezeit: 3 Minuten

Ich bin Rheinländer, auch wenn ich seit fast 30 Jahren in Ulm lebe. Wir Rheinländer schauen grundsätzlich optimistisch in die Welt. Damit lebt es sich besser, als wenn man vorwiegend pessimistisch und damit stets negativ und übermäßig sorgenvoll ist.

Aber ich bin kein naiver Rheinländer. Wenn man sich heute ernsthaft umschaut, sieht man auf dieser Welt vorwiegend Krisen. Krisen, die man nicht sequentiell abarbeiten kann, sondern die alle gleichzeitig nach Lösungen rufen. Krisen, die unfassbar sind, wie der russische Angriffskrieg auf die Ukraine oder die Situation im Nahen Osten.

Oder die Krise, die nur schleichend voranschreitet und durch immer extremere Wetterereignisse auf sich aufmerksam macht. Ereignisse, die mit viel Leid und hohen Kosten verbunden sind und die heute ziemlich genau so stattfinden, wie sie uns die Wissenschaft vor rund 40 Jahren bereits angekündigt hat. Als studierter Meteorologe beschäftigt mich der Klimawandel naturgemäß ganz besonders.

»Ich spüre, wie wichtig es ist, unsere Wünsche und die physikalische Realität in einem vernünftigen Gleichgewicht zu halten. Leider gelingt uns das im Moment weltweit wenig bis gar nicht«

Ist die Konsequenz nun, frustriert aufzugeben und zu sagen „das schaffen wir ja sowieso nicht?“ Solche Gedanken kommen mir manchmal. Aber dann obsiegt der Rheinländer in mir, der sagt: Wenn ich so an Probleme herangehe – oder eben nicht herangehe – und wenn alle diesen Blick einnehmen: Dann wird das eine sich selbst erfüllende Prognose.

Stellen Sie sich einfach vor, Sie treten bei den Olympischen Spielen zum 100-Meter-Lauf an. Und sagen vor dem Start: „Also hier kann ich ganz sicher nicht gewinnen.“ Das macht Ihren Sieg schon vom Kopf her quasi unmöglich. Außer, die anderen verlaufen sich alle – aber das ist nicht sehr wahrscheinlich, denn die 100-Meter-Strecke ist ja meist nicht besonders kompliziert.

Also habe ich beschlossen, den Optimismus nicht zu verlieren und mich weiter darum zu kümmern, komplizierte Wissenschaft, eben Atmosphärenphysik, für jede und jeden zu übersetzen. Nicht als Aktivist, Ideologe oder Missionar. Sondern mit Haltung durch Unterhaltung. Das kann Menschen mitnehmen, wie ich auf vielen meiner Vorträge immer wieder merke. Und vielleicht kommt dann auch bei meinen Zuhörerinnen und Zuhörern ein bisschen begründeter und nicht naiver Optimismus an.

»Ich kümmere mich darum, komplizierte Wissenschaft für jede und jeden zu übersetzen. Nicht als Aktivist, Ideologe oder Missionar. Sondern mit Haltung durch Unterhaltung«

Dazu gehört auch, das Thema medial so aufzubereiten, dass es informiert und nicht erschreckt. In sehr kurzen Wetterberichten kann man das nur hin und wieder anteasern. Ich freue mich also, dass die ARD mir immer wieder mal die Möglichkeit bietet, mich in 45-minütigen Dokumentationen des Themas anzunehmen. Eine dieser Dokus führte mich nach Panama, wo Urwald, moderne Stadt und der für unseren weltweiten Handel so wichtige Panamakanal direkt nebeneinander liegen. Eine nach Grönland, wo die unfassbare Schönheit der Natur und das immer schnellere Verschwinden des Eises gleichzeitig zu sehen sind. Eine andere ans Mittelmeer, einerseits Ziel für Urlauber, andererseits Wetterküche auch für uns, da seine rasche Erwärmung immer extremeres Wetter produziert.

Bei all dem spüre ich, wie wichtig es ist, unsere Wünsche und die physikalische Realität in einem vernünftigen Gleichgewicht zu halten. Leider gelingt uns das im Moment weltweit wenig bis gar nicht. Die Folgen machen mich zuweilen traurig und manchmal auch wütend. Aber dann sehe ich wieder, dass wir Stellschrauben haben und Dinge in die Hand nehmen können. Und müssen. Und dann ist die Motivation wieder da.