Happy Birthday, Deutsche Einheit: Mindestens einmal im Jahr sollten wir feiern, dass uns mehr eint, als uns trennt, findet Tanit Koch. Die Focus-Autorin und Ex-Chefredakteurin der Bild schreibt in der Turi.Edition.23 darüber, wie sich das deutsch-deutsche Märchen vom Mauerfall angemessen bejubeln ließe.
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Wildfremde Menschen in Moonwashed-Jeans, die sich nachts auf offener Straße jubelnd in die Arme fallen. Hausbewohner, die vom Fenster aus Passanten zum Freibier zu sich hoch bitten. Trabi-Stau am Übergang dessen, was bald keine Grenze mehr sein würde. Meine Mutter und meine Großmutter, die eine in Berlin geboren, die andere dort aufgewachsen, ungläubig staunend vorm Fernseher in Bonn, wo erst Freudentränen fließen, dann Champagner, dann wieder Freudentränen, und noch mehr Champagner…
Ich bekomme immer noch jedes Mal Gänsehaut, wenn ich Bilder der friedlichen Novemberrevolution 1989 sehe. Lässt sich so ein schönster Moment wiederholen? Denn das war er: der singulär schönste Augenblick der deutschen Geschichte. Nein, Superlative lassen sich nicht vervielfältigen. Das ist der Nachteil der Einzigartigkeit.
»Ich bekomme immer noch Gänsehaut, wenn ich Bilder der friedlichen Novemberrevolution 1989 sehe. Lässt sich so ein schönster Moment wiederholen?«Wenn ich mir dennoch einen Wunsch erfüllen könnte, bevor die Kutsche sich wieder in einen Kürbis zurückverwandelt, dann wäre es, dass wir Mauerfall und Wiedervereinigung endlich so feiern, wie es dieses deutsch-deutsche Märchen verdient. Ob Einheits- oder Freiheitsfeiertag, Hauptsache: feiern. Nicht nur staatstragend „begehen“.
Das ist der Traum. Party schwarz-rot-gold! Feuerwerk! Kirmes! Ausnahmezustand!
Die Realität weicht, sagen wir mal, ein klein wenig davon ab: „Seit dem 3. Oktober 1991 wird der ‚Tag der Deutschen Einheit‘ jeweils in dem Land gefeiert, welches die Bundesratspräsidentschaft innehat. Der Bundesrat präsentiert sich dort stets mit einem eigenen attraktiven Informations- und Unterhaltungsprogramm.”
Kann man nicht erfinden. Da fällt einem schon ein landeseigener schönster Moment in den Schoß (jenseits von 54, 74, 90, 14), und dann beschließt man eine rotierende Festivität im Bundesrats-Turnus? Warum nicht überall?
Um fair zu bleiben: Anfang der 90er wollten die handelnden Personen es den skeptischen europäischen Nachbarn wahrscheinlich nicht so reinreiben, was selbst die DDR-Hymne als „Deutschland einig Vaterland” beschrieb. In den Jahren darauf waren die Feierbiester inmitten von Einheitsfrust und Existenzangst auch eher rar gesät. Doch genauso, wie es immer Gründe gibt, lieber ins Bett zu gehen, gilt das auch für das Gegenteil.
Und nebenbei: Der 14. Juli 1789 und seine Folgen waren auch nicht für jeden einzelnen Franzosen uneingeschränkt toll. Aber gerade weil in Deutschland 1989 ausnahmsweise mal kein Blut floss, müssen wir nicht wie in Frankreich 101 Jahre warten, um ein Volksfest zu etablieren. Die USA haben den 4th of July, die Schweizer den 1. August, die Niederländer den Koningsdag – und im 35. Jahr der deutschen Einheit könnten wir doch auch mal mit der Deutschland-Party anfangen. Bundesweit.
Wir mögen sehr „ungleich vereint” sein (sagt der Soziologe Steffen Mau). Doch mindestens einmal im Jahr sollten wir feiern, dass uns mehr eint, als uns trennt.