Keine halben Gläser: Tristan Horx widmet sich als Speaker und Autor der Zukunft. In seinem Gastbeitrag für die Turi.Edition #23 beantwortet er die Gretchenfrage der Moderne.
Ist das Glas halb voll oder halb leer? Sorry, ich hab es zerschlagen. Ich habe es satt: Die Gretchenfrage der Moderne - Wie hast du's mit der Zukunft? - kategorisiert uns in Optimisten und Pessimisten. Ich will aber weder das eine noch das andere sein. Die „Good Vibes only“-Bewegung, bei der das eigene „Mindset“ (diesen Begriff kann ich nicht mehr hören) positiv sein muss, egal wie schrecklich die Lage: stehen geblieben. Der funktionale Pessimismus, bei dem man alles schlecht sieht, weil man dann nicht enttäuscht werden kann: schon viel zu Mainstream. Ich wünsche mir für die Zukunft einen neuen, einen wütenden Optimismus.
"Der Weltuntergang ist in einer Aufmerksamkeitsökonomie, die auf Erregung basiert, einfach zu sexy"Das grundlegende Problem ist, dass wir uns gerade in einer – vorsichtig gesagt – schwierigen Phase der Menschheit befinden. Zum ersten Mal gehen viele Indikatoren wie Lebenserwartung, Todeszahlen durch Kriege und Wirtschaftswachstum ins Negative. Vor 9/11 war die Welt irgendwie noch heil, Mauerfall, liberale Demokratie ersetzen Autokraten, die Wirtschaft boomte. Das Internet versprach, uns alle zu verbinden. Friede, Freude, Eierkuchen: Fortschritt, soweit wir blicken konnten. Die tolle Zeit des Aufschwungs scheint nun zu Ende, und es tut weh. Vor allem die junge Generation wundert sich, was aus all den Versprechen geworden ist.
Wir befinden uns in einer Omnikrise, in der sich die Gefahren gegenseitig verstärken und potenzieren: Kriege befeuern Wirtschaftskrisen; die führen zu Panik und Zwietracht. Die Vereinsamung der Gesellschaft führt zur Diskursunfähigkeit. In unserem an Profit orientiertem digitalen sozialen Raum hat das den gesellschaftlichen Diskurs in eine Ekelhaftigkeit verwandelt, die mich zum Kotzen bringt.
"Es ist so dankbar, alles schlecht zu reden. Denn es zieht einen selbst aus der Verantwortung, daran irgendetwas zu verändern"Natürlich stürzen sich jetzt die Apokalyptiker auf die Lage, versuchen daraus Profit zu ziehen. Im Grunde eine monetarisierte Form des Pessimismus – follow the money. Jammern ist eine Spitzensportart im deutschsprachigen Raum. Alle finden es geil, sich darüber zu beschweren, wie schrecklich alles ist. Die Social-Media-Konzerne verstärken diesen Diskurs, beuten ihn aus und werden stinkreich. Alles gut im Abendland.
NEIN! Da mache ich nicht mehr mit. Es gilt, dem ewigen Jammern etwas entgegenzusetzen. Die Versuche, einen neuen Optimismus zu finden, haben entweder in Selbsthilfe-Gurus oder einem medialen Totalschaden gemündet. Der Weltuntergang ist in einer Aufmerksamkeitsökonomie, die auf Erregung basiert, einfach zu sexy. Aufzuzeigen, was alles möglich ist und wie weit wir es schon geschafft haben, ist eine Form des Zivilen Ungehorsams geworden.
Wir brauchen dringend einen neuen Optimismus – einen WÜTENDEN. Einen Optimismus, der etwas aushält. Der sich nicht bei jeder Gelegenheit verunsichern lässt. Der nicht jedes Weltuntergangsgerücht nachplappert und dadurch verstärkt, sondern dagegen ankämpft. Es ist so dankbar, alles schlecht zu reden. Denn es zieht einen selbst aus der Verantwortung, daran irgendetwas zu verändern. Die Pessimisten haben es viel einfacher – genau deswegen sollten wir uns gegen sie wehren. Weigern wir uns, gemeinsam, das süße Gift der kollektiven Weltuntergangspropheten zu schlürfen. Und setzen wir auf etwas, das uns weiterbringt: aufgeklärte Zuversicht.