Sex, Kinder, Videos: Wie können Liebe, Partnerschaft und Erziehung gelingen in Zeiten von Social Media? Sex-Podcasterin Dr. med. Melanie Büttner, 53, weiß Rat.

Fotos: Julia Bradley; Lesezeit: 7 Minuten

Melanie, viele Auto-Journalisten behaupten, sie hätten Benzin im Blut, Fußball-Moderatorinnen sagen, sie hätten ihr Hobby zum Beruf gemacht. Wie ist das bei der Sex-Podcasterin Melanie Büttner?
Ich würde sagen: Das Thema hat mich berührt – und meine Neugier war irgendwann größer als alle Berührungsängste. Also bin ich losgegangen, habe eine Tür nach der anderen geöffnet und geschaut, was dahinterliegt. Durch Ausprobieren – und dank des wertschätzenden Feedbacks unserer HörerInnen – bin ich Schritt für Schritt in diese Rolle hineingewachsen. Sexualität ist für mich kein Randthema, sondern ein existenzielles: Sie kann Menschen tief bewegen – lustvoll, schmerzhaft, oft beides zugleich. Genau diese Spannbreite fasziniert mich.

Ornitologen, die sich ja beruflich mit Vögeln befassen, müssen keine Federn haben. Wärst du als Sexualtherapeutin glaubhaft, wenn du Single wärst und kinderlos?
Klar. Singles haben ja genauso Sex, ob mit anderen oder solo. Und Sex ist zum Glück weit mehr als nur Fortpflanzung. Glaubwürdigkeit bemisst sich für mich daran, ob man Themen ernst nimmt und Menschen in ihrer Vielfalt versteht – nicht an Familienstand oder Kinderzahl. Natürlich: Wenn ich selbst Single und kinderlos wäre, würden manche Aspekte vielleicht stärker oder schwächer in den Fokus rücken. Aber die Essenz bliebe gleich – Sexualität betrifft uns alle, auf die eine oder andere Weise.

»Glaubhafter Sex im Film ist selten. Oft fehlt das, was ihn im echten Leben ausmacht: Nähe, Unsicherheit, Überraschung, kleine Missgeschicke«

War Sexualtherapeutin schon als Kind dein Berufswunsch?
Nein, aber ich wusste schon immer, dass ich Ärztin werden wollte. Diesen Traum habe ich mir zwar etwas später in meiner Lebensgeschichte erfüllt, dafür mit umso mehr Hingabe und Entschiedenheit. Alles Weitere hat sich dann Schritt für Schritt ergeben.

Bei welchem Film dachtest du zuletzt: "Das ist mal glaubhafter Sex"?
Glaubhafter Sex im Film ist selten. Oft fehlt das, was ihn im echten Leben ausmacht: Nähe, Unsicherheit, Überraschung, kleine Missgeschicke – und manchmal auch Lachen. Glaubwürdig wird es für mich dann, wenn Menschen nicht „performen“, sondern stolpern, atmen, sich suchen und finden. Eine Szene, die ich berührend und zugleich komisch fand, gibt es in der Comedy-Serie „Ted Lasso“: Keeley Jones wird von Roy Kent beim Solosex überrascht. Doch statt peinlich zu werden, kippt der Moment in Nähe und Humor – vor allem, als er entdeckt, dass sie sich zu einem Video von ihm stimuliert, in dem er unter Tränen seinen Rückzug aus dem Profi-Fußball erklärt. Erotisch ist für sie nicht die Pose harter Männlichkeit, sondern seine Verletzlichkeit. Genau solche Szenen zeigen: Sexualität lebt nicht von Hochglanz und Perfektion, sondern von Menschlichkeit.

Bei welchem Buch fandest du zuletzt authentischen Sex?
Da bin ich wohl nerdig: Den glaubhaftesten Sex finde ich in den Erfahrungsberichten guter Sach- und Fachbücher. Natürlich wird die Realität dort manchmal etwas spröde oder holzschnittartig beschrieben. Aber die Geschichten der Menschen – ihre Erfahrungen, Zweifel und Herausforderungen – sind echt. Und genau das ist für mich authentischer als jede Roman- oder Filmszene.

Hast du sonst Film- oder Buchtipps?
„Komm wie du willst – Das neue Frauen-Sex-Buch“: Emily Nagoski erklärt, wie weibliche Lust wirklich funktioniert – wissenschaftlich fundiert, aber so, dass man beim Lesen nicht gähnt, sondern eher nickt, lacht und denkt: Ach, so bin ich also gestrickt! Und am Ende lebt es sich einfach entspannter – ob als Frau oder als Mann, der Sex mit Frauen liebt.

Was findest du intimer als Sex?
Nichts ist intimer, als sich mit all seinen Gefühlen, Gedanken und der ganzen Verletzlichkeit zu zeigen – und dann zu erleben: Der andere Mensch will und liebt mich genau so, wie ich bin. Das ist unschlagbar.

Was sind die dringendsten Fragen in eurem Podcast?
Im Kern geht es um eine große Frage: Wie können Menschen in ihren Beziehungen, in der Liebe und in ihrer Sexualität glücklich werden? Von dort entfalten sich alle weiteren Themen – mal sehr persönlich, mal partnerschaftlich, mal mit Blick auf Kultur und Gesellschaft. Uns interessiert der Tiefgang, das Echte. Wir lieben den Deep Dive, oberflächliche Themen lassen uns kalt.

Wo haben die Deutschen die größten Wissenslücken?
Die Deutschen sind oft überzeugt, schon alles über Sex zu wissen. Nur: Ihr Wissen macht sie nicht automatisch glücklicher. Denn an entscheidenden Stellen ist es begrenzt, weil es von Mythen und Halbwahrheiten durchsetzt ist. Zum Beispiel: dass Lust immer spontan und gleich funktioniert, dass Männer ständig wollen und Frauen meist bremsen, dass guter Sex penetrativ und spektakulär sein muss. Oder dass Probleme beim anderen liegen und man selbst nichts ändern muss. Genau da setzen wir an: Wir räumen auf, vertiefen, erweitern – und zeigen neue Wege auf.

Gibt es Liebe ohne Sex?
Ja, Liebe gibt es auch ohne Sex – und sie kann genauso tief, zärtlich und erfüllend sein.

Gibt es Sex ohne Liebe?
Ja, den gibt es – der Dating-Markt, Social Media, OnlyFans, Pornos oder erotische Partys sind voll davon. Für manche ist das intensiv, aufregend und genussvoll. Für andere eher leer und unbefriedigend. Am Ende zählt: Jede/jeder darf für sich herausfinden, was sich stimmig anfühlt.

»Jugendliche lernen in Pornos auch Dinge, die ihnen sonst niemand erklärt: wie Körper aussehen, wie Sex funktioniert, welche Vielfalt es gibt. Früher waren junge Menschen sexuell underscripted, heute sind sie sexuell overscripted«

Ist das normal, wenn bei einer vielbeschäftigten Ärztin und Sex-Podcasterin das Liebesleben stressbedingt mal brachliegt?
Ja, absolut. Es gibt eben auch noch viele andere spannende Dinge im Leben – und selbst in einer glücklichen, langjährigen Beziehung passiert es, dass das Liebesleben zwischendurch etwas brachliegt. Entscheidend ist, ob man es schafft, sich immer wieder neu emotional und körperlich zu verbinden. Je nachdem, wie viel gerade los ist und wie man mit den Anforderungen des Alltags oder den ganz normalen Beziehungskonflikten umgeht, gibt es Phasen mit mehr oder weniger intimen, erotischen und spektakulären Begegnungen.

Gibt es eine Lebensphase, in der Sex für Männer und Frauen unwichtig wird?
Das hängt weniger von festen Lebensphasen ab als von den jeweiligen Bedürfnissen und Umständen. In Belastungszeiten, Singlephasen, während einer Schwangerschaft, nach einer Geburt, in der Elternschaft, bei Krankheit oder nach dem Verlust eines Partners tritt Sexualität für manche eher in den Hintergrund. Später taucht sie oft wieder auf – verändert, manchmal sogar mit neuer Intensität. Für andere ist es genau umgekehrt: Gerade in solchen Phasen gewinnt Sexualität an Bedeutung und wird zur wichtigen Kraftquelle. Entscheidend ist: Es gibt keine Pflichtkurve, der alle folgen müssen. Sexualität hat viele Gesichter – und sie darf sich im Laufe eines Lebens wandeln.

Gibt es da Unterschiede zwischen Frauen und Männern?
Über die Gesamtheit betrachtet, lassen sich durchaus Unterschiede erkennen. Viele Frauen erleben ihre Sexualität etwa nach einer Geburt, in hormonellen Umstellungsphasen oder während der Stillzeit anders. Männer dagegen ringen häufiger mit dem Anspruch, jederzeit funktionieren zu müssen. Am Ende aber bleibt es individuell: Es gibt Frauen, die in belastenden Zeiten mehr Lust empfinden, und Männer, die sich zurückziehen – und genauso auch umgekehrt. Sexualität folgt weniger dem Geschlecht als vielmehr der persönlichen Geschichte, den verinnerlichten Rollenbildern und den eigenen Bedürfnissen.

Ist das normal, wenn der Sex im Laufe einer jahrzehntelangen Beziehung einschläft?
Ja. Das erleben fast alle Paare, die lange zusammen sind: Es gibt Phasen, in denen Sexualität leiser wird oder ganz einschläft. Anders als viele denken, ist das kein Zeichen für eine gescheiterte Beziehung. Liebe, Nähe, Bedürfnisse – all das wandelt sich über die Zeit. Wenn man merkt, dass man sexuell nicht mehr zueinander findet, kann genau darin eine Chance liegen: gemeinsam zu entdecken, was es jetzt braucht, und Sexualität so neu zu gestalten, dass sie für beide wieder lebendig wird.

Schadet Porno-Konsum unserem Liebesleben?
Pornos sind weder grundsätzlich gut noch schlecht - sie bergen Chancen und Risiken. Entscheidend ist die Person selbst: ihre Motivation, der Kontext, die Häufigkeit, das Material. Und welche anderen Erfahrungen oder Wissensquellen sie mitbringt.

Zum Beispiel?
Jemand schaut hin und wieder Pornos, um Lust zu spüren oder Inspiration zu finden, und lebt daneben eine erfüllende Sexualität mit PartnerInnen, die die Bedürfnisse beider berücksichtigt. Dann können Pornos ein anregender Fantasieraum sein – ohne dem Liebesleben zu schaden.

Gegenbeispiel?
Jemand konsumiert sehr häufig, vergleicht sich oder PartnerInnen ständig mit den Bildern im Kopf und spürt, dass die gemeinsame Sexualität plötzlich langweilig wirkt – weil sie leiser und weniger spektakulär ist als das, was Filme vorgaukeln. In diesem Fall kann Pornokonsum zu Unzufriedenheit, Leistungsdruck, Erektions- oder Orgasmusproblemen und Distanz führen. Es gibt also kein Schwarz-Weiß: Pornos können bereichern oder belasten – entscheidend ist, wie bewusst wir mit ihnen umgehen.

Was ist die eine Sache, die du deinem eigenen Kind über Sexualität mitgeben willst?
Du bist okay, dein Körper ist okay. Lerne deine eigenen Bedürfnisse kennen – und auch die des anderen Menschen. Geh mit beidem achtsam und wertschätzend um. Und mach nichts, womit du dich unwohl fühlst.

Wie schwer oder einfach ist das?
Das ist nicht immer einfach. Es braucht Bewusstheit, Einfühlungsvermögen – und die Bereitschaft, zu üben, auch wenn man stolpert. Wer schon früh gute Beziehungskompetenzen mitbekommen hat, tut sich leichter. Wer nicht so gute Vorbilder hatte, hat mehr zu lernen. Aber es lohnt sich.

Warum reden wir, wenn wir unsere Kinder aufklären, so viel über Geschlechtskrankheiten und Verhütung – und so wenig über Glücksgefühle?
Die Sexualaufklärung, wie wir sie heute an Schulen und in vielen Elternhäusern kennen, stammt aus einer Zeit, in der Sexualität stark tabuisiert und vieles schlicht verboten war. Über Lust mit Kindern zu sprechen, war ein No-Go – und ist es für viele bis heute. Kein Wunder also, dass Aufklärung oft noch immer einseitig auf Verhütung und Krankheitsprävention fokussiert. Dazu kommt: An der Sexualpädagogik entzünden sich politische Debatten, vor allem zwischen konservativen und progressiven Lagern. Manche Eltern und PädagogInnen fürchten, Kinder durch Gespräche über Lust oder eigene Körpererfahrungen zu „sexualisieren“. Und ja, das kann ein schmaler Grat sein – es braucht Feingefühl und gute Einordnung.

Was ist das Wichtigste in der Sexual-Erziehung?
Fragen von Kindern ernst zu nehmen, sie altersgerecht und korrekt zu beantworten und Orientierung zu geben – gerade in einer Umwelt, die zunehmend sexualisiert ist: vom Schulhof über Social Media bis hin zu Pornos. Nur so lernen Kinder, Sexualität mit Selbstvertrauen und Respekt zu verknüpfen.

Was kann ich meinem Kind mitgeben zum Thema: Wie kriege ich Beziehungen hin?
Das Wichtigste ist: Beziehungen gelingen, wenn man sich selbst gut kennt und sich für den anderen genau interessiert. Dazu gehört, die eigenen Bedürfnisse zu erkunden, auszusprechen und zu ihnen zu stehen – und zugleich neugierig zu bleiben, was das Gegenüber braucht, um sich wohlzufühlen. Sich in Konflikten so weit zu beruhigen, dass es wieder möglich wird, sich auch mal auf die Perspektive des anderen einzulassen und Themen freundlich zu klären ist ein weiterer Baustein. Ebenso die Bereitschaft, Verletzungen gemeinsam zu reparieren – denn dazu kommt es in jeder Beziehung, egal wie viel Liebe da ist. Und: Fehler gehören dazu. Es geht nicht darum, perfekt zu sein, sondern dranzubleiben, immer wieder neu aufeinander zuzugehen und Wege zu finden, wie es weitergehen kann.

»Sexualität hat viele Gesichter – sie darf sich im Laufe eines Lebens wandeln. Es gibt keine Pflichtkurve, der alle folgen müssen«

Wie schwierig ist es, in Zeiten von Social Media Kinder zu erziehen?
Mit den richtigen Tools ist es wahrscheinlich nicht schwieriger als in früheren Zeiten – die Herausforderungen sind einfach andere. Social Media bringt Chancen und Risiken zugleich. Kinder haben heute Zugang zu Informationen, Inspiration und Vernetzung, wie es früher unvorstellbar war – das ist großartig. Gleichzeitig begegnen sie Bildern, Idealen und Inhalten, die überfordern, verunsichern oder schlicht nicht kindgerecht sind.

Was heißt das für die Eltern?
Für Eltern heißt das: sich selbst gut zu informieren – etwa auf klicksafe.de – und dann Orientierung zu geben. Kinder brauchen Erwachsene, die im Gespräch bleiben und ihnen zeigen, wie man mit dem Netz umgeht. Bei Jüngeren sind engere Begleitung, ausgewählte Apps, feste Medienzeiten und Schutzsoftware sinnvoll. Plattformen wie Instagram & Co. sind ohnehin erst ab 13 Jahren freigegeben. Mit Jugendlichen funktioniert es am besten, wenn sie spüren: Die Eltern wollen unterstützen – nicht kontrollieren, schimpfen oder bestrafen. Am Ende gilt: Wir können Kinder nicht vor allem schützen – aber wir können ihnen beibringen, auf sich selbst aufzupassen.

Wie sehr schadet die Überall-Verfügbarkeit von Pornos Kindern und Jugendlichen?
Wir müssen uns klarmachen: Kinder und Jugendliche kommen heute meist zwischen dem 12. und 15. Lebensjahr zum ersten Mal mit Pornos in Kontakt – und viele werden dadurch stärker über Sexualität „aufgeklärt“ als durch Elternhaus oder Schule. Das kann die Neugier beflügeln, aber auch überfordern oder abstoßen. Die Bilder sind oft extrem und haben mit echter Sexualität wenig zu tun.

Was hat das für Folgen?
Durch Pornos entstehen leicht falsche Vorstellungen, Druck oder Unsicherheiten, die bis ins Erwachsenenalter wirken können. Gewaltabbildungen können verstören – und im schlimmsten Fall sogar traumatisieren. Andererseits lernen Jugendliche in Pornos auch Dinge, die ihnen sonst niemand erklärt: wie Körper aussehen, wie Sex funktioniert, welche Vielfalt es gibt. Der Sexualforscher Gunter Schmidt hat es einmal so formuliert: „Früher waren junge Menschen sexuell underscripted, heute sind sie sexuell overscripted.“

Das heißt?
Entscheidend ist nicht nur die Verfügbarkeit, sondern ob Kinder und Jugendliche die nötigen Informationen und Werkzeuge haben, um mit solchen Inhalten umzugehen. Hier sehe ich auch die Schulen in der Verantwortung: Sie sollten Kindern einen kompetenten, reflektierten und verantwortungsvollen Umgang mit dem Netz vermitteln – einschließlich der expliziten Inhalte, mit denen sie gewollt oder ungewollt in Berührung kommen. Aber auch Eltern können viel bewirken, wenn sie offen bleiben, Fragen ernst nehmen und Orientierung geben.

Wieviel Überwachung der Handys unserer Kinder ist okay?
Das hängt stark vom Reifestand des Kindes ab – und der entspricht nicht immer dem Alter, das im Pass steht. Entscheidend ist, ob ein Kind seine Medienzeit eigenverantwortlich regulieren kann, ob es im analogen Leben und bei seinen Entwicklungsaufgaben gut angebunden bleibt und ob es Medien so nutzt, dass es nicht mit Inhalten in Kontakt kommt, die seiner körperlichen oder seelischen Gesundheit schaden. Und auch, ob es Gefahr läuft, Opfer von Gewalt wie sexuellem Grooming zu werden.

Was ist Grooming?
Grooming ist die gezielte Kontaktaufnahme Erwachsener mit Minderjährigen in Missbrauchsabsicht. Das Risiko ist real: TäterInnen bewegen sich genau dort, wo Kinder sind, also in Games, auf Social Media, in Chats und Messenger-Diensten. Sobald ein Kind ein Handy nutzt, kann es Ziel digitaler Übergriffe werden – selbst wenn es scheinbar sicher zuhause auf der Couch oder im Kinderzimmer sitzt. Die TäterInnen geben sich als Gleichaltrige aus, fordern intime Bilder und versuchen Kinder zu Videochats oder Treffen zu überreden. Eltern kriegen das nur mit, wenn sie ihr Kind wirklich eng begleiten.

Was heißt das für die Eltern?
Bei jüngeren Kindern sind klare Regeln, Schutzmaßnahmen und engere Begleitung wichtig. Mit zunehmendem Alter geht es mehr um Vertrauen, offene Gespräche und gemeinsame Vereinbarungen.

Wie wird frau eigentlich Sex-Podcasterin?
2017 hat mich Jochen Wegner, der Chefredakteur der Zeit, eingeladen. Er wusste, dass ich als Ärztin und Therapeutin an einer Münchener Uniklinik mit dem Thema Sexualität arbeitete, in Fachkreisen viel darüber sprach und gerade mein erstes Fachbuch vorbereitete. Zusammen mit Sven Stockrahm und Alina Schadwinkel haben wir uns dann auf das Abenteuer Podcast eingelassen – und schnell gemerkt, wie sehr es ankommt. 2020 wurden Sven und ich dann für den Holtzbrinck-Preis für Wissenschaftsjournalismus nominiert. Das hat uns beflügelt – und mir gezeigt, wie groß die Resonanz ist, wenn man Sexualität offen, klug und respektvoll ins Gespräch bringt. Inzwischen verbindet Sven und mich eine gute Freundschaft – und das merkt man unserer Arbeit auch an.

Machst du Social Media eher mit Lust oder aus Pflichtgefühl?
Vor allem mit Lust – weil ich dadurch mit vielen wunderbaren Menschen in Verbindung komme. Aber natürlich kippt es manchmal ins Pflichtgefühl, wenn das Gefühl entsteht, ständig liefern zu müssen. Dann gönne ich mir bewusst Rückzug, um wieder bei mir anzukommen und mich mit dem zu verbinden, was im Leben sonst noch wichtig ist.

Wieviel Social Media musst du machen?
Social Media finde ich spannend – und ich würde gerne mehr machen. Gleichzeitig erreiche ich viele Menschen über andere Wege, gerade in der Fachwelt, sodass ich nicht so davon abhängig bin. Im Moment halten mich andere Aufgaben so auf Trab, dass Social Media öfter mal pausiert. Aber das kann sich natürlich wieder ändern – sobald mehr Luft ist und mich die Neugier packt.

Wohin entwickelt sich das Medium Podcast?
Für uns bei „Ist das normal?“ geht es darum, Bewährtes immer wieder zu verwandeln. Und zugleich neugierig Neues auszuprobieren. Ob Original-Therapiesessions, Aufnahmen an besonderen Orten oder auf Bühnen, gelegentliche Videostreams – solche Experimente gefallen uns. Und natürlich kreisen ständig neue Ideen in unseren Köpfen, die wir hin- und herspielen. Podcasts insgesamt haben sich längst vom Nischenformat zum Massenmedium entwickelt, und das ist sicher nicht das Ende. Sie werden immer vielfältiger, auch wenn es schon heute für fast jedes Bedürfnis ein passendes Format gibt. Was bleibt, ist die besondere Intimität: jemandem sprichwörtlich ins Ohr zu sprechen. Verändern wird sich vor allem die Spielwiese drumherum.

Mehr live, mehr Video?
Ich denke schon. Live-Formate und Video werden zunehmen, weil viele Menschen Lust auf mehr Nähe und gemeinsames Erleben haben. Aber der Kern bleibt das gesprochene Wort.

Wenn du nochmal auf die Welt kommst – welchen Beruf ergreifst du dann?
Ich würde wahrscheinlich wieder etwas wählen, das für andere hilfreich und für mich sinnstiftend ist. Etwas, das meine Neugier und mein Bedürfnis nach Entwicklung lebendig hält. Mir wird schnell langweilig – also müsste es vielseitig sein und sich immer wieder neu anfühlen. Therapeutin wäre da gar nicht schlecht. Oder auch Diplomatin: jemand, die Brücken baut und Spannungen zwischen Welten verhandelt.

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Dr. med. Melanie Büttner ist Ärztin und Therapeutin mit eigener Praxis mit Schwerpunkt Beziehungen, Sexualität und mentale Gesundheit. Sie arbeitet wissenschaftlich, bildet SexualtherapeutInnen aus, schreibt Bücher und podcastet für die „Zeit“. Im Podcast „Ist das normal?“ spricht Melanie seit 2017 mit dem Leiter des Ressorts Wissen Online bei der "Zeit" Sven Stockrahm über Sex, Liebe und Beziehungen.

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