Auf die Zukunft ist kein Verlass, findet Bestseller-Autor und Kolumnist Wladimir Kaminer. In der Turi.Edition.23 erzählt er, wie er zu dieser Erkenntnis gelangt ist.

Die erste Hälfte meines Lebens habe ich, wie alle Einwohner der Sowjetunion, in der Zukunft verbracht. Das erklärte Ziel unseres Landes war der Aufbau einer kommunistischen Zukunft. Für die Gegenwart gab es nicht einmal einen Namen, offiziell galt die Gegenwart als Übergangszeit in die helle Zukunft, an deren Existenz niemand zweifeln durfte.

Aus der Sicht der marxistischen Dialektik war die kommunistische Zukunft nämlich historisch unausweichlich – ganz egal, wie die Übergangsmenschen agieren würden. Sie konnten natürlich versuchen, die Zeit auszubremsen oder umgekehrt zu beschleunigen. Doch am Ende sollte der Kommunismus sein. Deswegen wurden unsere Dissidenten, die an der Zukunft zweifelten und den Staat kritisierten, nur selten in den Knast und meistens in die Klapse gesteckt, in die Psychiatrie. Aus der Sicht des Staates konnte nur ein Verrückter an der Zukunft zweifeln. Und deswegen machten sich unsere Regierenden auch keine Sorgen, was die leeren Regale in den Lebensmittelläden betraf, das waren doch alles „vorübergehende Schwierigkeiten“.

"Für die Gegenwart gab es nicht einmal einen Namen, offiziell galt sie als Übergangszeit in die helle Zukunft, an deren Existenz niemand zweifeln durfte"

Das ganze Land befand sich auf einer Zeitreise ohne Halbpension unter dem Motto: „Volle Kraft voraus in die Zukunft, unterwegs wird nicht gegessen“. Meine Landsleute und ich haben diese Zukunft nie persönlich kennengelernt, wir kannten sie bloß aus sowjetischen Science-Fiction-Romanen und Propaganda-Filmen. Die Menschen auf der Leinwand sahen stets sehr zufrieden aus, sie mussten sich keine Sorgen um ihre Existenz machen. Es waren glückliche Arbeitslose, die ihre ganze Zeit der kreativen Entfaltung der eigenen Persönlichkeit widmeten. Sie sangen, tanzten und lachten.

Überall in unserem Land, an jedem öffentlichen Gebäude, auf jeder Metro-Station hingen große Uhren, die uns zeigen sollten, dass es schnell voran geht. Diese Uhren zeigten unterschiedliche Zeiten. Die größte Uhr befand sich am Kremlturm und wurde jeden Abend als Hintergrund bei den Abendnachrichten gezeigt, in einer Nachrichtensendung, die „Die Zeit“ hieß. Im Radio folgte jede Stunde eine Zeitansage, die nicht weniger als fünf Minuten dauerte. Die Sowjetunion, genau wie das heutige Russland, hatte elf Zeitzonen und nur einen Radiosender, die Zeit musste daher für verschiedene Gebiete extra angesagt werden.

Ich lebte in Moskau. Kurz vor 15 Uhr war ich mit der Schule fertig, konnte endlich meine Schuluniform ausziehen und den Ranzen in die Ecke schmeißen, der Höhepunkt des Tages! Jedes Mal, wenn ich kurz nach 15 Uhr nach Hause kam, hörte ich im Radio den Rest der Zeitansage. Eine Frauenstimme sagte mir, dass es auf Kamtschatka gerade Mitternacht war. Als Kind dachte ich, dort auf Kamtschatka ist immer Mitternacht. Ich war nie auf Kamtschatka. Kamtschatka war so weit weg wie Kommunismus. Aber diese Kindheitserinnerung ist für immer in meinem Kopf geblieben: Dass es ein solches Land gibt, Kamtschatka, ein Land der ewigen Mitternacht.

Die Zukunft, von der man uns erzählte, trat nie ein, der Morgen kam und kam nicht, heute scheint das Land für immer in einem nie enden wollenden Gestern stecken geblieben zu sein. Auf die Zukunft ist also wirklich kein Verlass.