Kai Diekmann, Co-Gründer der Social-Media-Agentur Storymachine, träumt davon, dass Deutschland wieder das Land der Tüftler und Techniker, der Erfinder und Ingenieure wird - und wie es dann aussieht.
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Ich stell’ mir vor, es ist Zukunft – und Deutschland ist ganz vorne mit dabei. Wow! Ich fahre ohne Stopp an roten Ampeln (längstüberflüssig) im autonomen Taxi zu Storymachine in Berlin-Mitte. Die smarte Uhr am Handgelenk hat meinen 10-Kilometer-Lauf am frühen Morgen direkt an mein medizinisches Versorgungszentrum gemeldet: „Alles bestens, alle Werte im grünen Bereich – genieße den Tag!“ Und es fühlt sich gut an zu wissen, dass mir die Cola-Kisten im Laufe des Tages per Drohne direkt vor die Haustür geliefert werden.
Plötzlich sind wir wieder das Land der Tüftler und Techniker, der Erfinder und Ingenieure. Wir sind Tech-Optimisten, keine Schlechtredner mehr. Auf einmal sehen wir überall Chancen, vielleicht Herausforderungen – aber nicht ständig nur die Risiken. Technologie ist ein Versprechen, ein Fortschritt. Und keine Bedrohung mehr.
Was für ein wunderbarer Traum... Nun ja: Andere Länder haben ein Silicon Valley, wir hingegen verlieren uns in paranoiden Visionen und digitalen Dystopien. Wir fürchten uns: vor dem Missbrauch unserer Daten à la Stasi, vor Fake News auf Social Media, vor dem Verlust unserer Jobs durch KI-Roboter. Von allen digitalen Plattformen – sozusagen den Elektrizitäts- und Wasserwerken des 21. Jahrhunderts –, die heute unseren Alltag ganz selbstverständlich definieren, kommt keine einzige aus Europa. „USA innovates, China replicates, Europe regulates“: Die Angst vor Veränderung und einer unbekannten Zukunft lähmt uns. Dabei gilt doch: Wer sich nicht verändert, wird verändert – und womöglich überflüssig.
Zum Glück wurde das Auto schon vor über 100 Jahren erfunden. Ich frage mich, ob eine solche Mobilitäts-Innovation im heutigen Deutschland überhaupt noch eine Chance auf Zulassung hätte, angesichts aller potentieller Risiken: Allein im Jahr 1970 gab es mehr als 20.000 Verkehrstote! Wenn es heute um KI geht, die alles verändernde Technologie des 21. Jahrhunderts, sind wir dabei, die Straßenverkehrsordnung zu schreiben, bevor überhaupt die ersten Autos gebaut sind.
Auch bei der Einführung der ersten Züge im 19. Jahrhundert gab es Ängste: Die hohe Geschwindigkeit des neuen Verkehrsmittels könne die Trommelfelle platzen lassen. Und 1928 verkündete die Schlagzeile der „New York Times“: „Der Marsch der Maschinen macht Hände arbeitslos!“ Die Wahrheit ist: Fast alle technologischen Revolutionen haben unser Leben verbessert. Vor 300 Jahren arbeiteten die meisten Menschen in der Landwirtschaft, konnten weder lesen noch schreiben und wurden selten älter als 40 Jahre. Heute haben wir Strom, fließendes Wasser und fliegen in Stunden über Kontinente. „Keine Technologie setzt sich durch, wenn das Leben dadurch schlechter wird“, bringt es Zukunftsforscher Sebastian Thrun auf den Punkt.
„Die Deutschen leben immer noch in einer komfortablen Gegenwart – mit einem Mittelstand, der die weltbesten Ventilatoren, Kugellager und Schrauben herstellt. And next?“, habe ich in einem amerikanischen Magazin gelesen. Die Antwort, die ich mir wünsche: Ambition! Leidenschaft! Mut! Neugier! Ehrgeiz! Hunger! Aufbruch! Risikobereitschaft! Und vor allem: Optimismus! Damit nicht wahr wird, was der Gründer von Uber, Travis Kalanick, mir einmal gesagt hat: „Ihr Deutschen gebt erst auf, wenn ihr vom Fortschritt umzingelt seid.“