Nils Minkmar hat einen deutschen Vater und eine französische Mutter. Der Historiker wünscht sich ein schnelles, visuelles, deutsch-französisches Format, denn "es gibt schlicht keine Alternative zur deutsch-französischen Zusammenarbeit".

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In diesen Tagen geht irgendwo ein Kind zur Schule, das einmal Deutschland regieren wird. Seine Eltern, Lehrer, Geschwister und Freunde wissen noch nichts davon und diese junge Person selbst logischerweise auch nicht. Mit welchen Empfindungen und Urteilen wird dieses Kind später mal auf
das dann ferne Jahr 2025 zurückblicken? Wird es an eine Epoche des Aufbruchs denken, in der sich viele spannende Entwicklungen abzeichneten? Oder an zähe Jahre der Verleugnung, an verlorene Zeit?

Solche Gedankenübungen stelle ich regelmäßig an. Wir neigen dazu, unsere Gegenwart für die Ewigkeit zu halten. Obwohl wir es besser wissen, folgt unser Gefühl nicht der Erkenntnis. Es tut also ganz gut, den Muskel der Vorstellungskraft zu nutzen und zu stärken, um uns die Zukunft vor Augen zu führen und geistig beweglich zu bleiben. Als ich ein Kind war, erzählte mir mein Großvater viel von der Zukunft. Alles würde besser werden: weniger Kriege, kürzere Reisezeiten, bessere Verpflegung und Arbeit, die nicht so körperlich belastend ist wie zu seiner Zeit. Er behielt mit allem recht. Vielleicht bin ich deswegen so ein unerschütterlicher Optimist.

Mein Großvater war Franzose und kämpfte im Zweiten Weltkrieg. Er erlebte noch die Annäherung der beiden Länder, die Hochzeit seiner Tochter mit einem Deutschen, die Gründung Europas, den Wegfall der Grenzen und die Einführung einer gemeinsamen Währung. Das alles ist uns heute selbstverständlich. Aber es ist nur ein Teil des Wegs. Auf dem Gebiet der Medien herrschen – mit Ausnahme von arte – immer noch Zustände wie 1978. Jede winzige Landtagswahl beschäftigt die gesammelte Berliner Politszene mehr als die französische Parlamentswahl. Wann hat man eine französische Politikerin oder einen ihrer Kollegen in einer deutschen Talkshow gesehen?

Umgekehrt ist es beinahe noch schlimmer: Das französische Publikum muss annehmen, dass in Deutschland die lange Hose noch nicht erfunden wurden und alle Männer mit 35 sterben. Denn es sieht und hört nur deutsche Fußballer. Es gab mal Angéla Merkel, aber den Bundeskanzler, der ihr folgte, würden die meisten nicht erkennen, wenn er vor ihnen stünde und sie, ein Mikro in der Hand, nach dem Namen des deutschen Bundeskanzlers fragen würde.

Beginnt im französischen Rundfunk ein Satz mit „En Allemagne“, zucke ich schon zusammen. Die Chance, dass der Rest des Satzes zutrifft, ist etwa fifty-fifty. Das stellt auch kein Problem dar, denn weder im Studio noch im Publikum möchte man das so ganz genau wissen. Was habe ich auf diesem Weg nicht alles über die Bundesrepublik erfahren?

Das bleibt nicht ohne Folgen. Eine Bekannte aus dem französischen Südwesten konnte ihr Erstaunen nicht verbergen, als ich ihr erklärte, dass hierzulande Krebsbehandlungen durchaus von der Versicherung erstattet werden. Sie hatte die Vorstellung von einer neo-liberalen Hölle, in der man sich mit dicken Bündeln von Geldscheinen den Weg freikämpfen muss.
Deutschland ist weit weg – in der französischen Medienlandschaft. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass

viele tolle Kolleginnen und Kollegen als Korrespondenten einen tollen Job machen und sich die Berichterstattung bedeutend verbessert hat. Aber so bleibt es eben ein Angebot im Auslandsteil der Medien, wo es doch die ganze Sichtweise auf die Nachrichtenlage prägen müsste.

Ich vermute, dass sich das ändern wird und ändern muss. Mit dem Einsatz von KI lassen sich Beiträge blitzschnell und in tolerierbarer Qualität übersetzen. Die jungen Kolleginnen und Kollegen, die etwa an der Uni Mainz den Studiengang des Transnationalen Masters in Journalismus absolvieren, sind perfekt zweisprachig und brennen darauf, entsprechende Medienangebote zu entwickeln. Die reichen dann viel tiefer in die Provinzen, in die Kultur und die Lebenswelt des Nachbarlandes. Es gibt schlicht keine Alternative zur deutsch-französischen Zusammenarbeit. Aber viel zu wenige Entscheidungsträgerinnen und interessierte Zeitgenossen sind darauf vorbereitet. So ein Angebot wird nicht auf Papier mit Frakturschrift daherkommen – ich sehe da eher ein schnelles, visuelles Format mit kurzen und witzigen Clips, höre Podcasts und Reels. Oder Formate, die ich noch gar nicht kenne. Mit denen ein jüngerer Mensch aber schon heute experimentiert, im Keller oder auf dem Dachboden.