Bohrender Scherz: Dr. Katja Kessler hat die Zahnärztin abgelegt, Bild-Girls betextet, Kai Diekmann erzogen plus vier Kids, feiert jetzt Erfolge mit Interieur Design. Katrin Wilkens hat sie im Home Office in Potsdam besucht.
Fotos: Holger Talinski; Lesezeit: 9 Minuten
Es ist 3 Grad Minus und Katja Kessler öffnet im rahmspinatgrünen, ärmellosen Pullunder. Und fünf Pfund goldfarbenen Schmuck an Armen, Fingern und Ohren, aber der wärmt nicht. Die Frau muss doch frieren. Muss! Oder wenigstens eine Gänsehaut haben, bewegungsaffin im Raum auf- und abtigern und verbissen den Kopf schütteln, wenn man fragt: Frierst du nicht? Nö. Tut. Sie. Nicht.
Katja Kessler lässt sich nicht meteorologisch diktieren, wann es Zeit für eine achselhöhlenbedeckende Kluft wäre. Und vielleicht erklärt man damit auch schon ihr ganzes Leben: Frau Kessler entscheidet selbst, wann sie friert.
»Das war wie Fasching: Ich zog nen Kittel an und die anderen waren Patientinnen. Ich konnte eine Darmschlinge nicht von einer Arterie unterscheiden«Katja Kessler hat die Bestseller-Biografien von Dieter Bohlen geschrieben, war Zahnärztin (allerdings keine praktizierende), Deutschlands bekannteste Nacktfotoerfindungstexterin bei der Bild, „Erziehungs-Expertin“ bei RTL (ab wieviel Kinder wird man das? Sie selbst hat vier). Zwischendurch Silicon-Valley-Expat.
Derzeit arbeitet sie als Interieur-Designerin, hier ein Hotel mit 63 Zimmern, da ein umgebautes Fernmeldeamt, dort ein 17-stöckiges Bauvorhaben. Wenn sie mit derselben Rasanz weiter ihre Berufe wechselt wie andere ihre Skiunterwäsche, wäre Papst eine Option, Meeresbiologin oder Tier-Bestattungen. Und wer sich über diese laute und unterhaltungsreiche Rasanz zum Wechsel lustig macht, hat vergessen, dass das die wichtigste Option in der modernen Arbeitswelt ist, um weder auszubrennen, noch KI-wegrationalisiert zu werden.
Katja Kessler brennt nicht aus. Die friert ja nicht mal. Und vielleicht ist nicht ihre Villa in Potsdam das modernste an ihr, nicht die Kleidung, der Style, ihr Adressbuch, sondern ihre Unbekümmertheit, die Aufgabe zu suchen, die gerade in ihr Leben passt. Dass sie bei allen (außer der Zahnmedizin) auch noch veritable Erfolge, Preise und Starruhm aufzuweisen hat, liegt nicht nur an der Unbekümmertheit, sondern auch noch an ihrem Fleiß und ihrer Härte gegen sich selbst. Man friert nicht, wenn Fotografen kommen.
Über ihr eigenes Leben und ihre Selbstbestimmung sagt Katja: „Ich wusste immer nur sehr genau, was ich nicht wollte, aber nie sehr früh, was ich wollte.“ Dass sie mit dem früheren Bild-Chefredakteur Kai Diekmann nicht in ebensolcher spektrumsarmer Abhängigkeit lebt, zeigt sich an dem kleinen Cartoon, der am Eingang zur Küche hängt: wie bekommt man eine Kai-Diekmann-Frisur? Aber vor allem an ihrer Erziehungs-Devise: „Meine Töchter sollen später keine Salatbeilage werden.“
»Ich wusste immer nur sehr genau, was ich nicht wollte, aber nie sehr früh, was ich wollte«Aufgewachsen ist sie in Kiel. Schweres Bildungsbürgertum. „Wenn wir mit meinem Vater Latein und Alt-Griechisch lernten, musste meine Mutter immer daneben sitzen und mitlernen“, erzählt sie. Es klingt lustig und war es bestimmt nicht immer. Es gab eine Menge Alt-Griechisch im Hause Kessler. 4 Stiefgeschwister, 1 ältere Schwester, ein jüngerer Bruder, der Vater Zahnarzt, die Mutter „Zahnarzt-Frau“, wie Katja liebevoll und bösartig zugleich das Verhältnis ihrer Eltern beschrieb. „Meine Mutter nahm ein Leben lang gern auf dem Beifahrer-Sitz Platz. Sie war happy fremdbestimmt.“
Erst mal wurde sie aber selbst zu einer gehorsamen, höheren Tochter: Papa war Zahnarzt, zwei andere Geschwister arbeiten in der Dentalbranche – also Katja auch. Mundschutz auf und los. „Das war wie Fasching: Ich zog ´nen Kittel an und die anderen waren Patientinnen“, erzählt sie. Erst die Anatomieprüfung wurde zu ihrem persönlichen Aschermittwoch: „Ich konnte eine Darmschlinge nicht von einer Arterie unterscheiden.“ Zwei mal 5. Zweimal durchgefallen. Und vielleicht ihre subtilste Art ihrem Vater klarzumachen, dass Karies nun wirklich nicht ihr Ding ist.
„Die Zahnmedizin war wie ein Mann, den man datet und der ´ne wirklich heiße Schnitte ist. Und alle um einen herum sagen: whow! Und nur man selber steht daneben und denkt: Nee, heiß ist der nun wirklich nicht.“ Die Eltern akzeptieren schließlich, dass sie keine Praxis für die Tochter würden vorfinanzieren müssen.
Dass sie seitdem machen durfte, was sie wollte, hat vermutlich und paradoxerweise auch mit der Kriegs-Biografie ihres Vaters zu tun. Jahrgang 1923, Marinesoldat im Zweiten Weltkrieg. Irgendwann ergatterte er einen Passierschein für die Wilhelm Gustloff – und landete aber stattdessen auf ihrem Begleitboot, wo er stunden- und tagelang half, Verletzte zu bergen und medizinisch zu versorgen. „Ein war bisschen viel Leben für eine Person“, sagt Katja rückblickend. Bewundernd.
»Meine Mutter nahm ein Leben lang gern auf dem Beifahrer-Sitz Platz. Sie war happy fremdbestimmt«Der hat auch nie aufgegeben, und hat seinen Weg gesucht, nie den geraden, naheliegenden, sondern stattdessen den Beiboot-Weg: den kleinen, verkannten. Er blieb zeitlebens ein spontaner Zahnarzt, was eigentlich ein flambierter Schneeball ist. „Wenn wir abends einen Kurzurlaub wollten, haben wir die Sachen gepackt und sind los.“ Man könnte Katja Kessler heute mehr verschrecken, wenn man ihr erzählte: Lass uns eine Weltreise planen für 2030 – als wenn man sagte: Du, in zwei Tagen geht´s los.
Um Konventionen, was denken andere, was tut man, was nicht, eigentlich die Charakter-DNA der Nachkriegsjahre, scherte man sich im Hause Kessler offenbar wenig und Tochter Katja hat davon eine gehörige Portion mitgenommen, sonst wäre sie nicht eine so radikale Berufswechslerin geworden.
„Würde ich heute noch mal studieren, würde mich Psychologie interessieren“, sagt Katja. „Diese ganzen Biases, die Annahmen, die wir permanent treffen – und die doch nicht zutreffen müssen.“ Wer Zahnärztin ist, sich beim Ästhetikmagazin „Schöner Wohnen“ pudelwohl gefühlt hat und danach in den radikalen Boulevard wechselt, um dort Nacktbilder zu betexten, hat nicht viel Lust auf Voreingenommenheit.
Sie ging nach Hamburg und absolvierte bei Gruner + Jahr ein Praktikum. Schöner Wohnen. (Die Nichte der damalige Chefredakteurin Angelika Jahr, Jonica Jahr, war die erste Frau ihres späteren Mannes, Kai Diekmann. Aber das nur am Rande.) Dort, zwischen Hussen und Hutablagen, fand sie das, wonach sie sich lange sehnte, ohne zu wissen, dass sie sich sehnte: eine Sprache, die zu ihre passte, eine Ästhetik, die sie beruhigte, ein Team, das mit ihr alberte.
»Man könnte sagen, ich betreibe einen Organhandel: Ich verleihe meine Augen«Die Gier nach Schönem muss sich in den Jahren noch verstärkt haben. In ihrem Haus in Potsdam findet man nicht einen Vertreter des Hässlichen. All das, was weltliche, mittelbürgerliche Wohnräume ausmacht, unbeholfene Kinderzeichnungen am Kühlschrank, ein liegen gebliebener Rama-Deckel auf dem Esstisch, ein Knäul Tiergewölle in der Ecke oder eine verwelkte Blume in einer Vase – findet man bei Diekmann-Kessler nicht. Wäre ihr Haus ein Mensch, dürfte er auch nicht tragen, wonach ihm gerade ist, sondern nur das, was maximal wirkt. Chic. Mondän. Bunt. Gemixt. Und ein bisschen kalt.
„Lutsch, lutsch, flutsch. Katja (29) ist promovierte Zahnärztin. Aber Löcherstopfen allein reicht ihr nicht. Deshalb sitzt sie ohne (Schreib)Hemmungen ganz allein in der Redaktion. (…) Gleich kommt der Ressortleiter und gibt Nachhilfe mit dem großen Zeigestock…“, so beschrieb Benjamin von Stuckrad-Barre in der Zeit Katjas damalige Tätigkeit bei Bild. Sie ist sogar ein bisschen stolz darauf, es damit ins Feuilleton der Zeit geschafft zu haben. Mehr als von Stuckrad-Barre muss man über diesen Job auch gar nicht schreiben, außer: „Es hat mir Spaß gemacht und ich habe mich immer beölt beim Schreiben.“ Ihr Feminismus bestand darin, keinen haben zu wollen.
Nach der Nacktmulch-Ära, dem Vergerüchten von Promis und solchen, die es werden wollten, vier Kindern, ein paar Büchern und vielleicht etwas Langeweile, zog sie 2012 mit Mann und Mäusen ins Silicon Valley. Danach auch wieder ein Buch, logisch. Aber vor allem die Erkenntnis: Die Zeit des beölenden Schreibens war vorbei. Eine neue Leidenschaft musste her. Inneneinrichtung. Und ganz kurz, bevor der Bias, aha, Reichen-Gattin, Interieur, Salatbeilage, aufkommt: 2023 SBID Award in London für eine Inneneinrichtung auf Usedom gewonnen. Bähm.
Ab jetzt darf sie sich preisgekrönte Inneneinrichterin nennen, obwohl sie eigentlich nichts anderes macht, was sie schon ein ganzes Leben lang macht: Sie mischt Stylearten, dass es eine Art hat. Über dem Kamin in der Eingangshalle ihres Hauses in Potsdam hängt eine überdimensional große Pralinenschachtel. Wäre nicht eine der Kunstpralinen schon halb angeknabbert, hätte sie das Objekt bestimmt nicht so prominent platziert.
Tochter Yella kommt heim und setzt sich mit zum Interview. Sie studiert Computer Science und wirkt wie die erwachsene Version ihrer Mutter. Nur in einem sind sich Mutter und Tochter kongruent und sicher: Fragt man sie getrennt voneinander, welches Vorbild in der Geschichte Katja Kesser hätte: dann kommt keine altgriechische Göttin oder gar Mirjam, die Prophetin aus dem Alten Testament. Nicht Florence Nightingale oder Virginia Wolf. Sie nennen beide… Heidi Klum.
Nicht wegen der Dessous-Wäsche, nicht wegen der vier Kinder. „Aber sie hat immer ihr Ding gemacht und sich nicht darum geschert, was andere über sie denken“, sagt Katja Kessler. Gerade die hypermediale Heidi Klum, die immer wissen muss, was ihre Follower über sie denken, welche Einschaltquoten ihre Sendung hat, welche Gagen sie für welchen Werbedeal bekommt. Aber eines kann man bestimmt über sie sagen: Sie ist keine Salatbeilage.
Und frieren tut sie auch nicht.
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Peter fragt, wie Katjas Business so läuftKatja, was genau ist deine Dienstleistung?
Man könnte sagen, ich betreibe einen Organhandel: Ich verleihe meine Augen. Wie ich Fläche sehe. Daraus entwickeln mein Team und ich emotionale Wohn- und Arbeitswelten.
Welches Problem kannst du für mich lösen?
Problem-Immobilien vermiet- und verkaufbar machen. Es geht um Outside-the-box-Konzepte. Sich abheben von der Masse. Und dazu nutzen wir allerneuste Techniken: 3D-Modelle, Renderings, virtuelle Kamerafahrten und Walkthroughs, bei denen ich durch eine Immobilie spaziere gehe, die es noch gar nicht gibt. Alles sehr cyber.
Wer sind deine Kunden?
Privatiers mit Sinn fürs Besondere, CEOs, die dem Home-Office den Kampf ansagen wollen, Investoren mit Schwerpunkt Revenue.
Was machst du gern? Was lehnst du ab?
Einen schönen Neubau schön zu möblieren, ist kein Kunststück. Ich bin spezialisiert auf Probleme. Ein ehemaliges Fernmeldeamt in attraktive Wohnfläche zu verwandeln. In einem vermoosten Altbau das Juwel zu erkennen, das macht mir Spaß, und da glüht es in meinem Kopf.
Wie bewirbst du dein Gewerbe?
Ich betreibe mit professionellem Support meine Accounts auf Insta, Facebook und Linked-in.
Welcher Kanal ist der wichtigste?
Business auf Linked-in, Liebe und Applaus auf Insta.
Wir haben für turi2 mit Kai euer Haus in Usedom besucht, waren per Video zu Gast im Büro von Storymachine. Beides hast du eingerichtet. Ist deine Stilrichtung mit shabby chic richtig beschrieben?
Setzen, 6! Shabby chic ist die Idee, mit Sandpapier über die Kommode zu rubbeln, damit sie alt aussieht. Das finde ich langweilig. Ich stehe auf echt alt. In der Ullsteinhalle in Berlin, einer ehemaligen TV-Halle, habe ich eine 250 Jahre alte Kirchenempore aus Sachsen-Anhalt verbaut. Bei Storymachine nehmen die Gäste auf Flugzeugsitzen Platz.
Oder bist du Eklektizistin?
Das klingt wie eine Krankheit, die mit Zuckungen einhergeht. Ich mag es, Dinge miteinander zu verheiraten, von denen man sagen würde, hey, das passt doch gar nicht zusammen! Das Samtsofa mit Baumstamm-Couch-Tables. Alte Fliesen mit einer Bulthaupküche. Im Kern geht es immer um Emotionalität: Reinkommen in einen Raum und was Starkes fühlen.
Was ist dein nächstes Business?
Ich gründe gerade mit einer Co-Founderin eine Interior-Academy. Wie geht Badezimmer? Wie geht Küche? Wie geht schön? Da gibt es ganz schon viel Aufklärungsarbeit zu leisten.
Dranbleiben: | Katja Kesslers Roomtour im Familienhaus auf Usedom | Katjas Homepage: katjakesslerkreation.de | Katja auf Instagram | Katja auf Linked-in |