Marcel de Groot ist Holländer, ein leidenschaftlicher Europäer und CEO von Vodafone. Im Interview mit Peter Turi warnt er vor Überdigitalisierung und fordert einen reflektierteren Umgang mit KI und Social Media.
Fotos: privat, PR; Lesezeit: 6 Minuten
Marcel, am Dienstag habe ich mich über dich gewundert. Da hast du in einem Linked-in-Post den “Missbrauch” von KI als “zentrale Herausforderung” für die Demokratie markiert. Warum gerade du? Als CEO von Vodafone profitierst du doch von Digitalisierung, Social Media und KI.
Schau, Peter: Die Chancen von Künstlicher Intelligenz sind riesig – für unsere Wirtschaft, für neue Innovation und für den Zugang zu Informationen. Wenn wir diese Chancen aber wirklich nutzen wollen, dürfen wir auch die Risiken nicht ignorieren – und die Ängste vieler Menschen. KI ist nicht nur eine Technologie. KI verändert die Art, wie wir Informationen aufnehmen und Entscheidungen treffen. Es liegt in unserer Verantwortung, KI nicht nur in unseren Alltag zu bringen, sondern zu verstehen, was sie mit uns Menschen macht.
Warum hat das Vodafone Institut diese Studie aufgelegt?
Die Studie des Vodafone Instituts zeigt: Viele haben Sorgen vor Fake News, Manipulation und einer Welt, in der Algorithmen bestimmen, was wir sehen. Wir müssen genau darüber sprechen. Denn nur wenn wir Ängste verstehen, können wir sie aus dem Weg räumen.
Welche Ergebnisse der Studie beunruhigen dich?
Mich beunruhigt nicht die Studie, sondern im Alltag zu beobachten, dass wir uns an vielen Stellen blind auf KI verlassen und uns von ihr steuern lassen. Ohne zu prüfen, ob hinter den Empfehlungen immer auch die Wahrheit steht. Das Problem: Wenn die Wahrheit zur Ausnahme wird, dann steht unsere Demokratie auf dem Spiel.
Was daraus stimmt dich positiv?
Wir sind uns der Risiken von KI immer öfter bewusst. 42 Prozent der Deutschen sehen die Demokratie durch Fake News gefährdet. Europaweit wächst die Sorge vor KI-generierten Falschinformationen, gerade in Wahlzeiten. Viele wünschen sich Schutzmaßnahmen durch Technologie und Regulierung. Gefahren zu erkennen, ist der wichtigste Schutzmechanismus. Nur dann können wir handeln, um uns vor ihnen zu schützen.
Die Studie schreibt, es bestehe die Chance, dass im Angesicht von KI redaktionell verantwortete Medien wieder erstarken. Glaubst du daran?
Die Medienfreiheit hat unsere Demokratie stark gemacht. Wenn KI und Algorithmen immer häufiger die Inhalte bestimmen, die in unsere Social-Media-Timelines gespült werden, gewinnen redaktionelle Medien an Bedeutung. Menschen suchen verlässliche Orientierung, das zeigt auch unsere Studie: Mehr als die Hälfte der Deutschen halten traditionelle Medien für wichtiger denn je. Eine starke und freie Medienlandschaft kann helfen zu verhindern, dass Desinformationen unsere demokratischen Prozesse untergraben. Und damit die Art und Weise schützen, wie wir in Deutschland und Europa zusammenleben.
Wo siehst du die größte Gefahr durch KI?
Die größte Gefahr sehe ich darin, dass wir die vielen Gefahren von KI übersehen, weil uns die Goldgräber-Stimmung blind macht. Alle sprechen über die Chancen von KI. Und die gibt es. Aber kaum jemand versteht KI wirklich komplett oder kann sie steuern. Für viele Menschen ist KI mehr als nur eine Informationsquelle. Sie wird zum Gesprächspartner, dem wir alles anvertrauen. Mit ChatGPT teilen wir unsere Sorgen, Wünsche und Probleme. Das macht uns angreifbar.
Marcels erster Dienstausweis von 2008. Quelle: Linked-in
»Wir haben die sozialen Medien zweckentfremdet, nutzen sie vor allem, um uns in unseren Blasen abzuschotten und von anderen Meinungen zu distanzieren«Liegt nicht in der KI unausrottbar die Gefahr, dass sie uns denkfaul macht und das kritische Denken abgewöhnt?
Das sollten wir dringend verhindern. KI darf nicht dazu führen, dass wir unser kritisches Denken verlernen – im Gegenteil: Sie sollte uns helfen, bessere Entscheidungen zu treffen, nicht blindere. Auch hier braucht es zuallererst das richtige Bewusstsein für potenzielle Gefahren.
Machen wir mal das größere Bild auf: Was wurde eigentlich aus unserer Hoffnung, das Internet könnte unsere Demokratie beleben, ja sogar dynamisieren, indem mehr Menschen eine Stimme bekommen? Hast du die begraben?
Das Internet und Social Media kamen einst, um uns zu verbinden. Egal zu welcher Uhrzeit. Egal an welchem Ort der Welt. Wenn ich heute durch die Social Media Timelines scrolle, sehe ich oft das Gegenteil. Wir haben die sozialen Medien zweckentfremdet, nutzen sie vor allem, um uns in unseren Blasen abzuschotten und von anderen Meinungen zu distanzieren. Hier gibt’s nur schwarz oder weiß, aber keinen Platz für Grautöne. Ich wünsche mir, dass wir soziale Medien irgendwann wieder dafür nutzen, wofür wir sie einst angepriesen haben: um Menschen zu verbinden.
Was ist schief gelaufen mit Social Media und Co?
Algorithmen belohnen Extreme, Fake News und Wut verzerren den Diskurs. Wenn Likes nicht mehr für Qualität, sondern für Sichtbarkeit stehen, verändert das die Dynamik. Das gefährdet Vertrauen und unsere Demokratie.
Marcel, du hast in einem grandiosen Essay für die Turi.Edition.23 von einem Europa geträumt, das “stolz auf seine Werte und Errungenschaften ist” und dass wir uns wieder “auf unsere Stärken besinnen”. Kann es sein, dass gerade das Gegenteil droht? Dass wir im KI-Wettrüsten zwischen den USA und China unter die Räder kommen?
Peter, wir stehen in Europa vor mehreren Problemen. Die Abhängigkeit von anderen Nationen, der Rückstand bei der Digitalisierung und die Spaltung in unserer Gesellschaft. Der Kern unserer Probleme ist aber ein anderer: Uns fehlt Mut und Vertrauen. In uns selbst und in unsere Europäische Gemeinschaft. Wir haben die Werte, die Innovationskraft und die Talente – aber wir treten zu oft als Einzelkämpfer auf, statt als starkes Europa. Europa muss sich auf seine Stärken besinnen: Zusammenarbeit, Meinungsfreiheit, Vielfalt. Wir brauchen gemeinsame Investitionen, klare Regeln und den Willen, Dinge einfach zu machen, auch wenn Fehler passieren können. Mit diesem Vertrauen können wir aus Problemen wieder Chancen machen.
Fragst du dich manchmal auch ganz persönlich: Wie toxisch ist die Ultra-Plattform-Digitalisierung für unsere europäische Demokratie?
Digitalisierung hat unser Leben verbessert – sie brachte uns Zugang zu Wissen, Vernetzung und Geschwindigkeit. Ohne Digitalisierung müssten wir noch heute für jede Überweisung zur Bank, wir bräuchten bei der Urlaubsreise den Beifahrer, der uns mit einer riesigen Karte über die Autobahnen navigiert und wir wären nicht immer für unsere Liebsten und Familien erreichbar. Ich habe aber den Eindruck, dass wir vor lauter Smartphone manchmal den Blick für das beste soziale Netzwerk vergessen: für das echte Leben.
Mit welchen Folgen?
Und das kann für unsere Demokratie zur Gefahr werden. Denn wenn wir uns lieber online und angetrieben von Algorithmen in unserer Bubble zurückziehen, statt uns im echten Leben mit den Meinungen anderer auseinanderzusetzen, treibt uns Digitalisierung auseinander. Ich wünsche mir, dass wir wieder häufiger die Schönheit des echten Lebens sehen und dass wir darin wieder lernen zu streiten – und uns nach dem Streiten die Hand zu reichen. Denn das ist das wichtigste Fundament für jede Demokratie.
Was können wir konkret tun?
Wir alle sollten wachsam sein. Und niemals blind vertrauen. Das gilt im Netz im besonderen Maße. Vor allem aber sollten wir reden: über die Chancen und die Risiken von KI. Nicht in Angstszenarien, aber auch nicht in Jubelstürmen.
Was tust du persönlich?
Ich spreche mit meinen Kindern über die Dinge, die ich erlebe, die sie erleben und über das, was mit KI möglich wird. Das ist wichtig. Und das unterstützen wir auch als Unternehmen.
Wie genau?
Wir bilden Mediencoaches aus, die in Schulen und Sportvereine gehen, um aufzuklären. Wir machen Studien, um den Sorgen der Menschen eine Stimme zu geben. Und vor allem entwickeln wir Technologien, um unseren Alltag mit KI ein Stück weit besser zu machen. Zum Beispiel unseren Spamwarner, der jeden Monat Millionen Kunden vor möglichen Betrugsanrufen warnt. Das zeigt: KI kann richtig viel zum Guten verändern – wenn wir sie verantwortungsvoll und an den richtigen Stellen einsetzen.
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Marcel de Groot ist Jahrgang 1967, hat zwei Kinder und ist Hobbyfotograf, Skifahrer und Fußball-Fan. Er studiert Organisation & Management an der Universität Amsterdam, kommt 2008 zu Vodafone als Head of Consumer Postpaid Marketing in den Niederlanden. 2022 macht Vodafone Deutschland ihn zum Geschäftsführer des Privatkundengeschäfts, im April 2024 wird Marcel CEO.Dranbleiben: | Vodafone Institut: Studie zur Demokratie im KI-Zeitalter | PR-Text zur Studie | Marcel de Groot zur Studie auf Linked-in | Marcels Profil auf turi2 | Marcel auf Linked-in | Marcels Vision für Europa auf Turi.One |